Was
haben die Verleihung des Aachener Karlspreises und die Feierlichkeiten
anlässlich der Entdeckung Brasiliens miteinander zu tun?
In beiden Fällen wird die verbrecherische Vergangenheit des "christlichen"
Abendlandes beschworen: In Aachen mit Hilfe des gewalttätigen
Frankenkönigs Karls des Großen als des Vorbildes europäischer
Staatskunst; in Porto Seguro mit Hilfe der "Errungenschaften", die
portugiesische Seefahrer und Missionare vor 500 Jahren den "Wilden"
des neu entdeckten Kontinents brachten. In beiden Fällen werden
Personen und Taten gefeiert, die Millionen Menschen das Leben kosteten.
Und in beiden Fällen handelte die Staatsmacht im Auftrag der
römisch-katholischen Kirche.
Niemand wird vom Frankenkönig Karl, den Papst Leo
III. am Weihnachtstag des Jahres 800 zum Kaiser eines
römisch-germanischen Reiches krönte, verlangen, dass er die heutigen
Errungenschaften europäischer Rechtskultur als Regierungsprogramm
hätte verkünden können. Doch die Brutalität, mit der er sich sein Großreich
zusammenraubte, ist auch nach damaligem Maßstab meilenweit von einer gesitteten Politik entfernt. In
den 46 Jahren seiner Regierungszeit überzog er fast alle Nachbarn mit
blutigen Angriffskriegen. Allein gegen die Sachsen führte er einen
30jährigen Krieg, um sie mit Mord und Totschlag der
römisch-katholischen Kirche einzuverleiben. Dabei brachte er seine
Gegner nicht nur im Krieg um, sondern auch als Gefangene. Grausames
Beispiel ist das Massaker von Verden an der Aller, bei dem er auf einen
Schlag 2.500 Gefangene, praktisch die Elite Sachsens, enthaupten ließ.
Und über das eroberte Land Sachsen verhängte er eine Art
konfessionelles Standrecht: Wer sich nicht taufen ließ, sollte
sterben; wer das Fastengebot brach, sollte sterben. Wer nicht zum
Gottesdienst erschien, musste mit strengsten Bußen rechnen. Karl der
Große zog fast 50 Jahre durch Europa, um zu unterjochen, zu versklaven
und zu morden - und dies im Auftrag der römischen Kirche, die ihn
dafür heilig sprach.
Es ist gespenstisch, dass im 21. Jahrhundert das
grausame Kartell von Staat und Kirche durch Preisverleihungen gefeiert
wird. Ist das alles nur Gedankenlosigkeit oder will man bewusst immer
wieder die Dämonen der eigenen Vergangenheit hochleben lassen?