Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 10/00

abstand.gif (36 Byte)

Am Rathaus von Aachen und am Strand von Brasilien

Gespenstische Feiern

Karl, das „Große“ Vorbild. Fragt sich nur, wofür.Was haben die Verleihung des Aachener Karlspreises und die Feierlichkeiten anlässlich der Entdeckung Brasiliens miteinander zu tun?

In beiden Fällen wird die verbrecherische Vergangenheit des "christlichen" Abendlandes beschworen: In Aachen mit Hilfe des gewalttätigen Frankenkönigs Karls des Großen als des Vorbildes europäischer Staatskunst; in Porto Seguro mit Hilfe der "Errungenschaften", die portugiesische Seefahrer und Missionare vor 500 Jahren den "Wilden" des neu entdeckten Kontinents brachten. In beiden Fällen werden Personen und Taten gefeiert, die Millionen Menschen das Leben kosteten. Und in beiden Fällen handelte die Staatsmacht im Auftrag der römisch-katholischen Kirche.

Niemand wird vom Frankenkönig Karl, den Papst Leo III. am Weihnachtstag des Jahres 800 zum Kaiser eines römisch-germanischen Reiches krönte, verlangen, dass er die heutigen Errungenschaften europäischer Rechtskultur als Regierungsprogramm hätte verkünden können. Doch die Brutalität, mit der er sich sein Großreich zusammenraubte, ist auch nach damaligem Maßstab meilenweit von einer gesitteten Politik entfernt. In den 46 Jahren seiner Regierungszeit überzog er fast alle Nachbarn mit blutigen Angriffskriegen. Allein gegen die Sachsen führte er einen 30jährigen Krieg, um sie mit Mord und Totschlag der römisch-katholischen Kirche einzuverleiben. Dabei brachte er seine Gegner nicht nur im Krieg um, sondern auch als Gefangene. Grausames Beispiel ist das Massaker von Verden an der Aller, bei dem er auf einen Schlag 2.500 Gefangene, praktisch die Elite Sachsens, enthaupten ließ. Und über das eroberte Land Sachsen verhängte er eine Art konfessionelles Standrecht: Wer sich nicht taufen ließ, sollte sterben; wer das Fastengebot brach, sollte sterben. Wer nicht zum Gottesdienst erschien, musste mit strengsten Bußen rechnen. Karl der Große zog fast 50 Jahre durch Europa, um zu unterjochen, zu versklaven und zu morden - und dies im Auftrag der römischen Kirche, die ihn dafür heilig sprach.

Es ist gespenstisch, dass im 21. Jahrhundert das grausame Kartell von Staat und Kirche durch Preisverleihungen gefeiert wird. Ist das alles nur Gedankenlosigkeit oder will man bewusst immer wieder die Dämonen der eigenen Vergangenheit hochleben lassen?

Inhalt Ausgabe 10/00
Hauptseite
Archiv - alle früheren Ausgaben
Suchen
Abo-Service
Impressum
Post an uns

Ist es Zufall, dass der nach dem blutigen Karl benannte Preis auch heute wieder zur Zierde mächtiger Kriegsherren wird? Heuer wird Bill Clinton damit bedacht, vergangenes Jahr war es Tony Blair, beide hauptverantwortlich für die völkerrechtswidrige Bombardierung Jugoslawiens.

Nicht weniger zynisch mutet die brasilianisch-portugiesische Feier zum Gedächtnis der Entdeckung Brasiliens an. Die heutigen Indianer verwahrten sich mit Nachdruck dagegen und erinnerten an die Millionen Toten, die diese "Entdeckung" ihrem Volk brachte. Sie wollten für sie ein Denkmal errichten, doch 200 staatliche Ordnungshüter zerstörten das Mahnmal. Der Grund: Es war nur wenige Meter von einem Kreuz entfernt, das die Regierung aufgestellt hatte. Das Kreuz sollte an die erste Messe erinnern, die Cabral am brasilianischen Strand lesen ließ. Die Nachkommen der Konquistadoren des Jahres 1500 trafen sich, um die Früchte der Verbrechen zu feiern, die Staat und Kirche vor 500 Jahren unter dem Zeichen des Kreuzes begingen. Als die Indios dagegen demonstrierten, wurden sie niedergeknüppelt. Der bescheidene Fortschritt beschränkt sich darauf, dass man sie nicht gleich umbrachte. In den Regenwäldern Südamerikas riskieren sie freilich auch heute noch ihr Leben, wenn sie sich den alles niederwalzenden Bulldozern des Fortschritts in den Weg stellen.

Lesen Sie auch:
Papst erhält den Karlspreis im Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 3/2004:
http://www.das-weisse-pferd.com/04_03/papst_erhaelt_den_karlspreis.html


 



Copyright © Verlag DAS WEISSE PFERD GmbH, Marktheidenfeld, Germany

http://www.das-weisse-pferd.com
- E-Mail: info@das-weisse-pferd.com

Verlag »Das Weisse Pferd«, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld-Altfeld,
Fax: 09391 / 504 - 210