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1998 -
Die Morde im Vatikan
Was steckt
dahinter?
Enthüllungen
von den "Jüngern der Wahrheit"
BUCHBESPRECHUNG
- Am 4. Mai 1998 wurden im Vatikan drei Leichen gefunden. Alois
Estermann, soeben zum Kommandanten der Schweizer Garde ernannt, war
erschossen worden, ebenso seine Frau Gladys. Die dritte Leiche war
diejenige des Gardisten Cédric Tornay, der nach offizieller Version des
Vatikan das Ehepaar Estermann erschossen und danach Selbstmord begangen
haben soll. Diese offizielle Version wurde seinerzeit schon sehr bezweifelt -
aber eine schlüssige andere Version konnte sich auch nicht durchsetzen. Nach fast
zwei Jahren haben nun die "Jünger der Wahrheit", ein
anonymes Autorenkollektiv, diese Lücke zu schließen versucht.
Blutlügen im Vatikan heißt ihr Buch,
das bisher nur auf Italienisch erschienen ist - und in der deutschen
Presse so gut wie totgeschwiegen wurde, im Gegensatz zu einem anderen
Buch Vom Winde verweht im Vatikan, über das wir in der
nächsten Ausgabe berichten.
Mutter
widerspricht Vatikan
Der reißerische Begriff "Blutlügen" (ital.
bugíe di sangue) stammt nicht von den Autoren, sondern von der
Mutter des toten Schweizer Gardisten Tornay, die von Anfang an
erhebliche Zweifel daran äußerte, dass ihr Sohn ein Mörder und
Selbstmörder sein solle. Um diese These zu untermauern, malte der
Vatikan nach der Bluttat ein äußerst negatives Bild des 23-jährigen
Wallisers: drogensüchtig, undiszipliniert, verhaltensauffällig soll er
gewesen sein - und rasend vor Wut, weil er eine sonst übliche
Auszeichnung nicht erhalten habe. Dies seien falsche Anschuldigungen
oder zumindest maßlose Übertreibungen, sagen Mutter und Bekannte. Aus
ein paar jugendlichen Dummheiten in einem ansonsten durchaus normalen
Schweizer Soldatenleben könne man kein solch düsteres Gesamtergebnis
herleiten. Cedric Tornay habe die Garde ohnehin im darauf folgenden Sommer nach
Ablauf seiner Dienstzeit verlassen wollen und sich schon einen
Arbeitsplatz in der Schweiz gesucht.
"Untersuchung"
oder Verschleierung
Dies ist aber bei weitem nicht die einzige
Ungereimtheit. Argwöhnisch macht die "Wahrheitsjünger" vor allem, dass
keine professionellen kriminalistischen Untersuchungen vorgenommen
wurden. Der Tatort wurde stundenlang nicht abgesichert, die römische
Polizei wurde nicht angefordert, um die Spuren fachmännisch zu sichern;
auch die veröffentlichten Ergebnisse der Obduktion entsprächen bei
weitem nicht den Standards des Polizeihandwerks. Eine ein halbes Jahr
später - auf Drängen der Mutter Tornays - veröffentlichte "Untersuchung" lasse ebenfalls viele Fragen zum
Tathergang einfach offen und sei im Sinne der offiziellen Version
tendenziös, so die Autoren, die all diese Dokumente wörtlich abdrucken
und dann erst kommentieren.
Die
andere Version
Wahrscheinlicher als die "Story" von Vatikansprecher
Navarro-Valls scheint den anonymen Wahrheitssuchern eine andere
Möglichkeit zu sein: Dass Cédric Tornay zunächst in den Abendstunden mit
einer Schalldämpferpistole erschossen wurde. Mit seiner Dienstpistole
wurden dann Estermann und seine Frau umgebracht, ebenfalls mit
Schalldämpfer (Zeugenaussagen berichten von "dumpfen
Geräuschen"), und dann die Leiche Tornays in die Wohnung gebracht.
Doch was war der Hintergrund? Fast noch spannender als der eigentliche
Tathergang mit seinen Rätseln ist die Vorgeschichte. Estermann habe, so
die Autoren, in der Schweizer Garde in sehr kurzer Zeit Karriere
gemacht, weil er dem katholischen Geheimbund Opus Dei nahe gestanden
habe. Das Opus habe angestrebt, die Kontrolle über die Schweizer Garde
zu erringen und diese zu einer umfangreichen Sicherheitsorganisation für
den gesamten Vatikan auszubauen. Dies hätte aber die Kontrolle des
Vatikan durch Opus Dei bedeutet. Widerstand gegen diese Pläne habe es
einerseits von der vatikanischen Gendarmerie gegeben, die zur Schweizer
Garde in Konkurrenz stehe - den Gardisten sei es zeitweise sogar
verboten worden, mit den Gendarmen zu sprechen. Andererseits habe auch
die so genannte "Logenfraktion" des Vatikan um ihren Einfluss
gefürchtet. Dieser Machtkampf hinter den Kulissen sei auch der Grund
dafür gewesen, dass Estermann - in der Geschichte der Garde völlig
unüblich - erst nach einer Vakanz von mehreren Monaten zum neuen
Kommandanten ernannt wurde - um dann wenig später ermordet zu werden.
In der Vertuschung der eigentlichen Hintergründe seien sich dann wieder
alle Parteien einig gewesen.
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