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Reportage
Serbisches Tagebuch
»Dobar dan« - oder vielleicht »Gott zum Gruß«? Die Verständigungsschwierigkeiten gingen am Flughafen in einer herzlichen Umarmung unter, obwohl man sich noch nie gesehen hat. Urchristen aus Deutschland trafen sich mit ihren serbischen Freunden, um in Belgrad und Novi Sad eine Broschüre vorzustellen, die in Deutschland schon viele Menschen bewegt hat und eine prophetische Botschaft enthält: Tiere klagen - der Prophet klagt an, nunmehr in serbischer Sprache.
Der gelbe Mercedes, Baujahr 1975, der seine Kilometer längst nicht mehr zählt, überstand die Fahrt vom Flughafen in die Stadt - vorbei an Wohnsilos aus der Tito-Zeit, Einschlägen von Nato-Bomben aus der Milosevic-Ära und hinein in das winterlich graue Zentrum der Metropole. Unterwegs Gespräche über die politische Entwicklung: die schwierige Neuwahl des Parlaments, die friedlichen, aber gefährlichen Demonstrationen zur Durchsetzung des Wahlergebnisses, die bevorstehende Regierungsbildung. Am späten Nachmittag dann ein erstes Interview im »Studio B« des serbischen Fernsehens im 22. Stock des
Blic-Hochhauses. Das schneebedeckte Häusermeer tief unter uns liegt in der Abenddämmerung. Ein grandioser Rundblick. Wie mag er sich wohl ausgenommen haben, als ringsum Raketen einschlugen? Fernsehbilder schossen mir durch den Kopf. Doch schon kommt die Moderatorin zur Sache: Es geht um das Leid der Tiere und ihre Machtlosigkeit gegenüber menschlicher Grausamkeit. Was kann man rechtlich dagegen tun? Unser Hauptanliegen geht darüber hinaus: Das Verhältnis von Mensch und Tier muss sich von Grund auf ändern. Wie? Wir müssen die Tiere als Mitgeschöpfe achten! Das »christliche Abendland« hat sie 2000 Jahre lang als seelenlose Ware behandelt.
Die Botschaft des Propheten gibt den Klagen der Tiere eine Stimme. Unsere Gesprächspartnerin nimmt es sachlich zur Kenntnis. Die Kamera nähert sich dem Cover der Broschüre mit dem auf der Folterbank eines Tierversuchs fixierten
Affen-Babies. Die Sendung wird in ganz Serbien mehrmals ausgestrahlt. Die Botschaft ist da.
Die Klage der Tiere erhält eine Stimme
Zwei Stunden später erwartet das Forum Romanum der Universität Belgrad einen Vortrag zum Thema: »Ein Grundrecht für die Tiere?« Im Auditorium sitzen einige Professoren, zwei Richterinnen aus Belgrad, ein orthodoxer Pope, Tierschützer und Studenten. Die Schilderung des Elends in den Massentierställen scheint ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Bei der Aufzählung biblischer und kirchlicher Grausamkeiten gegen die Tierwelt scheint der Pope weggehört zu haben, denn in der Diskussion rät er, doch öfter die Bibel zu lesen, um mit den Tieren friedlicher umzugehen.
Im zweiten Teil geht es um die Verankerung des Tierschutzes in der Verfassung und die Begründung einklagbarer Rechte für Tiere. Doch Verfassungsrecht hin oder her: Als erstes müssen sich Moral und Ethik ändern. Schon sind wir wieder bei der prophetischen Botschaft: Es ist ein und derselbe Atem, der Mensch und Tier durchströmt - der Odem Gottes. Die Mischung aus herkömmlicher Juristerei und Texten einer Gottes-Offenbarung ist zweifelsohne ungewöhnlich. Das Auditorium geht aufmerksam mit. Nach zwei Stunden Vortrag und Diskussion Rückzug ins Arbeitszimmer des Dekans und Verabschiedung mit vorzüglichem
Slivovic.
Am nächsten Morgen auf dem Weg nach Novi Sad. Am Straßenrand zwei tote Hunde - überfahren und einfach liegen gelassen? Später erfahren wir, dass man hierzulande Hunde auch erschießt, weil es zu viele davon gibt. Die weiße Markierung auf der holprigen »Autobahn« erinnert wieder an den Krieg. Hier starteten die Abfangjäger der serbischen Armee zu ihren hoffnungslosen Einsätzen. Unser ehrwürdiges Gefährt tuckert mit 80 km/h durch die triste Pampa. Die Insassen sind guter Stimmung.
Die Sekretärin
von Radio Novi Sad empfängt uns mit Chips und Apfelsaft. Der bärtige Moderator
der vormittäglichen Musiksendung bittet noch um etwas Geduld und stellt
liebenswürdig mehrere zerschlissene Stühle bereit. Heiteres Plaudern in
deutsch-englisch-serbischem Kauderwelsch. Dann auf ins Studio. Die Musik stoppt.
Begrüßung des Studiogastes. Auf los geht's los: »Warum brauchen die Tiere eigene
Rechte ... Was steht in dem Buch Die Tiere klagen - der Prophet klagt an ... Wie kam es zu der Grausamkeit des Menschen gegenüber den Tieren ... Was hat die Bibel damit zu tun?« Fragen über Fragen und Antworten über Antworten - von den Tieropfern der Bibel über das anthropozentrische Weltbild der Kirchen und mancher Philosophen bis hin zur Massentierhaltung der modernen Agrarindustrie und zu den unzähligen grausamen Tierexperimenten in wissenschaftlichen Labors. Immer ein Fragenblock mit Antworten, dann wieder Musik, dann wieder das Frage- und Antwortspiel - rund eine halbe Stunde lang. Radio Novi Sad ist in ganz Serbien zu hören.
»Was verstehen Sie unter Friedensreich?«
Eine halbe Stunde später im Studio von Radio In: Man hatte noch nichts von der Broschüre gehört, um die es uns ging. Die Moderatorin ist jung und nicht uninteressiert: »Was ist die Rechtfertigung für Tierexperimente ... Wie wollen Sie die Tiere als Jurist schützen ... Worüber 'klagt' der Prophet?« Es wird ein längeres Vorgespräch, an dem sich auch andere Rundfunkjournalisten beteiligen. Zuerst Misstrauen, dann Neugier und wachsendes Interesse. Am Ende: »Wir machen die Sendung.« Die junge Frau begibt sich mit dem Deutschen und dem Kroaten als Übersetzer in die Sendekabine. Engagiert fragt sie drauflos. »Wie kann man den Tierschutz verbessern ... Was meinen Sie, wenn Sie von den biblischen Wurzeln der Tierverachtung sprechen?« Zwischendurch wieder Musik. Dann Fragen und Beiträge von Hörern. Eine Frau äußert sich dankbar; ein Mann schimpft über den Hund, der ihm die Hand abgebissen hat und fragt, wie er nun Tiere lieben soll? Ob sich der Gast nicht besser im eigenen Land um Tierschutz kümmern solle? Schon ruft ein anderer Hörer an und verteidigt den ausländischen Interviewpartner. »Wir sind froh, dass er so offen über die Grausamkeit des Menschen spricht...« Wieder Musik und wieder Fragen. Die halbe Stunde vergeht wie im Flug. Dann noch ein drittes Radiogespräch. Wieder eine junge Moderatorin, die aufgeschlossen für das Thema ist. Zehn Minuten live. Am frühen Nachmittag Einkehr zum Mittagessen in einem kultivierten Restaurant, vegetarisch und mit guten Weinen.
Abends zur Buchvorstellung ins Theater: Es ist kalt; das Podium unwirtlich, wie jede Bühne ohne Schauspieler. Ob wir es ausfüllen werden? Der Beleuchter schaltet die Scheinwerfer ein, und die Zuhörer verschwinden im Dunkel. Das Fernsehen bringt die Kamera in Stellung. Die Übersetzer wechseln sich ab: Deutsch - serbisch - deutsch - serbisch. Hoffentlich wird es den Leuten nicht zu lang. Doch sie hören aufmerksam zu. Als der Vortrag auf die Missachtung der Tiere durch die kirchliche Lehre zu sprechen kommt, verlassen einige den Saal. Das Fernsehen filmt unbeeindruckt weiter. Nach dem Vortrag die Diskussion. Sie wird turbulent, als eine offenbar ortsbekannte Naturschützerin behauptet, in Deutschland würde man mit Hunden aus Belgrad Geschäfte machen. Einige Zuhörer widersprechen ihr heftig. Es kommt fast zum Streit. Eine Schweizerin, die seit 15 Jahren in Belgrad lebt, bedankt sich auf deutsch für den Vortrag. Ein Zuhörer, der die mittägliche Radiosendung gehört hatte, schließt sich an. Die Schweizerin will noch wissen, wieso es dazu kam, dass von der Tierliebe des Jesus von Nazareth, von der in der Offenbarungsschrift Das ist Mein Wort berichtet wird, in der offiziellen Bibel so wenig steht. Die Frage scheint auch andere zu interessieren. Gegenfrage: Wie ist diese Bibel denn entstanden? Doch nicht durch Augenzeugenberichte von Zeitgenossen Jesu. Und wie oft wurde sie übersetzt und bewusst oder unbewusst verfälscht? Es leuchtet offensichtlich ein, dass sich die Tierliebe des Nazareners nicht auf den Hinweis beschränkt haben kann, dass man ein verlorenes Schaf auch am Sabbat retten darf. Im apokryphen Thomas-Evangelium warnt Er ausdrücklich davor, Tiere zu essen. Kann es sein, dass der Lehrer der Bergpredigt und der Friedlichkeit bei Seiner Warnung vor dem Schwert das Schlachtmesser ausgenommen hat? Als die Zuhörer den Raum verlassen, Fortsetzung des Dialogs vor der Fernsehkamera. Die junge Moderatorin will so gut wie alles wissen: »Wie kann man den praktischen Tierschutz verbessern... Wer soll die Tiere vor Gericht vertreten ...Was verstehen Sie unter einem 'Friedensreich' ... Wie wird es Ihrer Meinung nach mit unserer Zivilisation weitergehen?« Ich bin von den Fragen fasziniert und vergesse meine Umgebung. Die Frau hat offensichtlich verstanden ... Die Botschaft des Propheten ist nicht nur da; jetzt ist sie angekommen. Zwei Tage später wird sie in ganz Serbien ausgestrahlt. Die junge Journalistin moderiert wie ein Engel.
Tierleid auf den Straßen von Belgrad
Zurück nach Belgrad: Lärm, Autoabgase, graue Straßenzüge. ... Tags darauf beim Spaziergang durch die Stadt: Mitten auf der Straße, zwischen schnell fahrenden Autos plötzlich eine Meute von Hunden, die kläffend vor und neben den Autos herjagen. Und niemand kümmert sich darum, obwohl die Autos jeden Moment einen überfahren könnten. Ich warte an einer Ampel. Plötzlich umgeben mich vier oder fünf abgemagerte Hunde, hechelnd, und warten mit mir, bis die Ampel grün wird. Dann jagen sie weiter, von Hunger und Hoffnungslosigkeit getrieben. Andere kauern frierend vor Hauseingängen oder durchstöbern Mülltonnen oder trotten ermattet durch diese triste Stadt.
Die Redakteurin von Blic, mit der wir uns tags darauf zu einem Interview treffen, spricht ebenfalls von den Hunden. Sie schildert, wie ihr Nachbar kürzlich zwei Hunde einfach erschoss, weil sie ihm zu laut bellten. Zusammen mit ihrer Freundin hat sie eine Initiative gegründet, die kranke Hunde versorgt und Hündinnen sterilisiert. Sie bräuchten Medikamente und Hilfe aus dem Ausland, Zusammenarbeit mit deutschen Tierschutzverbänden. Brigitte Bardot hat einmal geholfen, aber dann blieb die Hilfe wieder aus ... Wie soll es weitergehen ... Die Tiere leiden unendlich. Am selben Tag noch ein Interview mit der Politika, eine der führenden Tageszeitungen des Landes. Der Redakteur, der mit seinem Fotografen im Hotel erscheint, war bei dem Vortrag im Forum
Romanum. Er interessiert sich vor allem für Juristisches. Die prophetische Botschaft nimmt er nur zur Kenntnis - mit der Bemerkung: »Wenn die Christen wirklich christlich handeln würden, dann würden sie sich gegenüber den Tieren ja anders verhalten.« Eben. Da die Kirchen ihre Gläubigen nicht dazu anhalten, muss ein Prophet die Menschen wachrütteln. Nach unserer Abreise soll ein guter Artikel über dieses Gespräch erschienen sein. Die religiösen Aspekte ließ man dieses Mal noch außen vor. Vielleicht darf man nicht zu viel auf einmal verlangen - schließlich war die Politika früher das Sprachrohr von Titos Kommunisten.
Am letzten Abend dann die Hauptveranstaltung im Zentrum Belgrads. In einem Gebäude, das früher eine Kirche gewesen sein muss und jetzt als Versammlungslokal genutzt wird. 250 Leute erscheinen. Zum Teil sehr junges Volk, das auf dem Weg zur Disco noch schnell vorbeischaut. Bei der Schilderung der grausamen Massentierhaltung ist es mucksmäuschenstill. Bei den geschichtlichen Hintergründen ziehen die Jugendlichen zu ihrer Disco weiter. Und als es um den Anteil der Kirchen geht, wirft ein Zuhörer die Broschüre in den Saal und verlässt unter Protest die Veranstaltung. Es ist dieselbe Stelle wie in Novi
Sad. Die Pawlowschen Reflexe von Kirchenanhängern lassen vermuten, dass hier eine offene Wunde blutet. In der Diskussion geht es wieder um alles: Die Tierverachtung des christlichen Abendlandes; die Möglichkeit philosophischer und rechtlicher Korrekturen und nicht zuletzt: die Wende zu einer neuen Zeit. Wie soll sie aussehen? Was kann der Einzelne tun?
Nach der Veranstaltung Rückzug ins Hotel zum letzten gemeinsamen Abend mit den Freunden aus Serbien. Es gibt bayerisches Bier und serbischen Käse - eine zufriedene, aber leicht erschöpfte Runde. Dobro Vecer - gute Nacht. Morgen früh fliegen wir heim.
Die Broschüre »Der Prophet - Tiere klagen, der Prophet klagt an« ist in verschiedenen Sprachen (deutsch, serbisch, polnisch, italienisch, spanisch, französisch, englisch) kostenlos erhältlich. Verlag DAS WORT, Tel. 09391/504-135 Fax: -133
http://www.das-wort.com/deutsch/kostenlos/tiere-klagen---der-prophet-klagt-an.php
Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 3/01
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