Paranoia

Mensch & Tier - eine schizophrene Beziehung

Bewundert, gequält, geliebt und geschlachtet - das Verhalten, das der Mensch den Tieren gegenüber zeigt, kann nur als paranoid bezeichnet werden ...

Ein Herz für Tiere, das haben wir. Ein Herz für den kleinen Hund, der uns mit treuen Augen anguckt, ein Herz fürs Kätzchen, mit dem wir zum Tierarzt eilen, sobald es sein »Fresschen« nicht anrührt. Ein Herz für Pferde haben wir auch, weil sie stolz und edel und beim Turnierreiten so schön anzusehen sind. Entdecken wir bei einer Autofahrt ein Reh am Waldrand, ruft die gesamte Besatzung »schnell gucken, ein Reh, süß« und bekommt einen verklärten Blick ... Ja, wir mögen Tiere. Wir können uns einen Planeten ohne die Tiere nicht vorstellen. Und doch ist keine Beziehung zwischen Lebewesen auf dieser Erde von solcher Schizophrenie gekennzeichnet, wie eben jene zwischen Mensch und Tier.

Zum Gott erhoben: Heilige Tiere

In den Kulturen vor unserer Zeit haftet den Tieren eine Art von Magie an. Sie sind meist schneller und kräftiger als der Mensch, auf unheimliche Art überlegen. Die Macht, die der urzeitliche Mensch im Tier wahrnahm, veranlasste ihn dazu, den Tieren Attribute der Götter zuzuordnen oder das Tier selbst als Gott zu verehren: Den Sumerern waren die Stiere heilig, den Griechen die Taube, den Persern der Hahn. Die Ägypter verehrten den Hund, den Falken und die Katze als Gott. Die Tötung einer Katze wurde mit dem Tod bestraft. Und heute? In Indien gilt die Kuh als heiliges Tier: Man darf ihr zwar als Last- und Zugtier vieles zumuten, ihre Milch trinken und die Fladen als Brennmaterial nutzen, doch haben die Kühe in Indien das unbedingte Recht, an Altersschwäche zu sterben. »Wer eine Kuh tötet«, heißt es in den Schriften, »wird ebenso viele Jahre in die Hölle müssen, wie es Haare am Körper der getöteten Kuh gab ...« Im krassen Gegensatz hierzu schlachten die europäischen Nachbarn dieselben Kühe zu Millionen ab. Für die Gaumenlust, aus Angst vor BSE-Erregern oder schlicht, um den Rindfleischpreis zu stabilisieren ... Verkehrte Welt?

Gehegt und gepflegt: Haus- und Schmusetiere

Heilig sind uns Europäern höchstens unsere Haus- und Schmusetiere. Unsere Zwergkaninchen, Wellensittiche, Hamster, Hunde, Katzen oder Wasserschildkröten würden wir niemals aufessen. Sie werden geliebt, gehätschelt, geschmust und bekommen nur das feinste Futter. Wer seinen Hund in der Urlaubszeit aussetzt, wird geächtet. Unsere Verbundenheit zum Haustier mag hierbei vielleicht nicht so weit gehen wie im alten Rom, wo man verstorbene Schoßhunde im Familiengrab beisetzte, doch leben heute immerhin 100 Millionen Kleintiere in deutschen Wohnzimmern. Die Kehrseite der vermeintlichen Tierliebe: Tiere, die im Zoogeschäft übrig bleiben, weil niemand sie haben will, werden getötet. Von den importierten Tropenvögeln - besonders im Trend - sterben 80 % beim Fang und Transport in die deutschen Zoogeschäfte. Immerhin: Einmal im heimischen Wohnzimmer, bringen wir den exotischen Gästen mit ihrem bunten Gefieder mit großer Geduld das Sprechen bei und auch den Hund lehren wir allerhand Kunststücke. Wenn er Pfötchen gibt, verdient er sich schon mal einen Leckerbissen - der besteht dann aus Rindern, Hühnern, Schweinen und andere Tieren, die für unsere Fiffis, Maunzis und Schnauzis zu Dosenfutter zerhackt werden. Ein Herz für Tiere?

Schmeckt’s? Tiere für die Gaumenlust

Immer noch teilt der Mensch die Tierwelt in zwei Lager: In die, die man lieb hat, und in die, die man aufisst - und das ist je nach Region verschieden: In China zählen Hunde und Katzen zu den Speisetieren, hierzulande würde man einen Hundebraten angewidert stehen lassen. Außer der Frau Justizministerin Däubler-Gmelin, die Pressemeldungen zufolge nur noch Kühe isst, die sie »persönlich kennt«, mag kaum einer ein Tier auf dem Teller haben, zu dem er eine persönliche Beziehung hat. So verspeisen wir Europäer jährlich Millionen anonyme Schweine, Millionen anonyme Rinder, Millionen anonyme Puten. Millionen Legehennen leben in Käfigen zusammengepfercht, um 10 Monate lang Eier zu legen und dann geschlachtet zu werden. 100 Millionen Tonnen Fische werden jährlich als Nahrung für den Menschen aus den Weltmeeren geholt. Fische, die nicht als »Speisefisch« verkauft werden können, verarbeitet man zu Fischmehl oder wirft sie tot wieder über Bord. Für 1 Tonne »verkaufstauglichen« Fisch werden Schätzungen zufolge 5 Tonnen »unbrauchbare« Fische zurück ins Meer geworfen. Und wenn schwermetallverseuchter Fisch, BSE-infiziertes Rindfleisch oder mit Medikamenten angereichertes Schweinefleisch den Appetit verdirbt, steigen wir lieber auf Krokodil- oder Känguruhfleisch um, als auf die Tiermahlzeit zu verzichten ...

Gut bezahlt: Tiere als Therapeuten

Die einzigen Tiere, die nicht auf dem Speiseplan der Menschen stehen, sind also entweder solche, die wir uns als Gefährten ins Wohnzimmer geholt haben, oder solche, die lebendig schlicht mehr Geld einbringen. Delphine zum Beispiel. Als Therapeuten behinderter, autistischer, blinder oder stummer Kinder haben sie es zu Weltruhm gebracht. Wenn Ärzte versagen - Delphine schaffen es oftmals, das Leiden zu lindern und zur Seele der Kinder durchzudringen, indem sie die kleinen Patienten behutsam umspielen, mit ihnen durchs Becken gleiten, ganz auf sie eingehen. Die »Manager« dieser Therapeuten kassieren für eine solche Behandlung 20.000 bis 30.000 Mark ...

Hauptsache, gelacht: Tiere zur Belustigung

Außer zu Therapiezwecken lässt der Mensch auch solche Tiere am Leben, die zur gewinnträchtigen Volksbelustigung beitragen, wie es im Zirkus, im Zoo oder bei spanischen Stierkämpfen der Fall ist. Derselbe Stier, den der Mensch in ganz Mesopotamien jahrtausendelang als Gott verehrt hat, wird hier zum Opfer eines zuschauerwirksamen Schauspiels. Der Stier wird vor der Show mit Beruhigungsmitteln betäubt, er bekommt Schläge in die Nieren und Vaseline in die Augen. 1.550 Stiere tötete ein einziger Stierkämpfer bei 750 Stierkämpfen während seiner Laufbahn. Ein Herz für Stiere? Das wäre zuviel verlangt. Zu gerne amüsiert sich der Mensch auf Kosten der Tiere: Selbst Katzen - in Ägypten zum Gott erhoben, heute als Schmusetier liebevoll umsorgt - hatten im 16. Jahrhundert ein trauriges Los. Die »Katzenorgel« war auf europäischen Jahrmärkten eine beliebte Attraktion: Zwanzig Katzen wurden in enge Kästen gesteckt, die Schwänze hingen durch Löcher nach draußen. An den Schwänzen befestigte man Bindfäden, die mit den Tasten einer Orgel verbunden wurden. Ein »kluger« Bär drückte nun die Tasten und zog somit an den Schwänzen der Katzen. Vor Schmerzen miauten sie in den unterschiedlichsten Tönen. Längst Vergangenheit? Noch heute gehört solche Volksbelustigung auf Kosten der Tiere zum gepflegten »Brauchtum« mancher Regionen: In Memmingen hat sich bis heute eine Tradition erhalten, bei der jeden Sommer 1.200 Fischer in einen Bach steigen und Jagd auf zuvor ausgesetzte Forellen machen. Die Tiere werden aus dem Wasser gezerrt, in Eimer geworfen und stundenlang zappelnd und nach Luft japsend über- und untereinander liegengelassen. Nach dem »Spiel« werden die Eimer gewogen, um den Gewinner zu ermitteln. Im Ruhrgebiet versuchen alle Jahre wieder zum Rosenmontag so genannte »Gänsreiter« vom Pferderücken aus einen mit Mayonnaise und Schmierseife eingeriebenen Gänsehals zu greifen und den Kopf der Gans abzureißen. Wem dies gelingt, der ist für ein Jahr »Gänsereiter-König«. Ein grausamer Brauch? Nicht weniger grausam sind die »christlichen« Feste. Nicht einer Gans, sondern Millionen Gänsen wird zu Weihnachten traditionsgemäß der Kopf abgehackt, um sie anschließend in deutschen Kochtöpfen als Weihnachtsgans schmoren zu lassen. Zuvor werden sie gemästet: Ein Drittel ihres Eigengewichtes müssen viele dieser Tiere täglich schlucken. Damit das viele Futter im Magen bleibt und Fett ansetzt, bindet man ihnen zum Teil den Hals mit einem Gummiband zu. Krasser Gegensatz: In Rom trug man Gänse als Volkshelden einmal im Jahr in prunkvollen Sänften umher, bedeckt mit Purpur und Gold.

Sanftes Ruhekissen? Tiere als Rohstoff

Heute ist nicht nur das Fleisch, sondern auch das Federkleid der einstigen Helden begehrter Rohstoff - für das »sanfte Ruhekissen« der Menschen. Den Weide-Mastgänsen werden hierfür 3-4 mal im Jahr bei vollem Bewusstsein die Federn von Hand ausgerissen. Mit blutigen Wunden und schmerzgepeinigt laufen die Tiere geschockt auf dem Boden der Masthallen umher. Andere werden maschinell gerupft. Sie hängen kopfüber mit der Brust vor einer rotierenden Scheibe, die die Federn im Akkord ausreißen. Ruhe sanft ...
Die »Rohstoffe« anderer Tiere sind nicht weniger beliebt. Um den Nerzen ihr Fell abzuluchsen, werden sie mit Abgasen und Stromstößen getötet. Für einen Pelzmantel müssen 150 Nerze sterben oder 18 Füchse, 17 Luchse, 12 Wölfe, 150 Chinchillas oder 17 Ozelots. 400 Millionen Tiere werden jährlich für den Handel mit Pelzen ermordet - Deutschland ist hierbei der größte Pelzimporteur. Und werden Tiere nicht wegen ihres Fleisches oder des Pelzes erlegt, dann gerne auch zur Befriedigung des sportlichen Ehrgeizes. In ganz Osteuropa darf gejagt werden, was wann wem auch immer vor die Flinte kommt ... - »scheu wie ein Reh«, wen wundert’s? 

Man könnte die Aufzählung noch eine ganze Weile fortsetzen - die Schizophrenie unserer Beziehung zu den Tieren ist vielfältig genug. Man könnte die grausame Tierfolter in Laboren beschreiben, wo Katzen, Kaninchen und Hunde für die Schönheit oder die angebliche Gesundheit des Menschen unendlich leiden müssen, und man könnte im Gegenzug davon berichten, wie dieselben Hunde fein herausgeputzt, mit Schleifchen verziert, bei eigenen Schönheits-Wettbewerben von einer Jury bewertet werden. Man könnte die grausamen Tieropfer antiker Kulte beschreiben bis hin zum heutigen »Osterlamm« anlässlich des »christlichen« Osterfestes. Man könnte berichten, wie Tiere dem Menschen Jahrhunderte lang bei der Feldarbeit behilflich waren, als Lasttier treu gedient haben - und zum Dank stückchenweise als Pferde-, Rinder- und Eselfleisch in den Metzgertheken lagen und liegen.

Fressen und gefressen werden - ein Instinkt?

»Dumme Kuh«, »blöde Gans« ... sagt der Mensch - und meint sich selbst. Wie der Mensch sein eigenes, schizophrenes Verhalten auf die Tierwelt übertragen hat, wie er seine Mitgeschöpfe verbogen hat, kann man am Verhalten der »Raubtiere« ablesen: Auch sie sind dazu übergegangen, andere Tiere, die Gott ihnen als Weggefährten und als Freunde zur Seite gestellt hat, zu jagen und zu verspeisen. »Fressen und gefressen werden, das ist ein Naturgesetz«, heißt es. Doch woher wissen wir, dass das immer so war? An den Haustieren kann man beobachten, dass Tiere immer wieder das Verhalten der Menschen nachahmen: Oftmals haben Hunde, die aggressiv und laut bellen, ein ähnlich gelagertes Herrchen oder Frauchen. Sind Hunde sehr anhänglich oder verweichlicht, kann man dieses Verhalten ebenfalls oft im engeren Familienkreis beobachten. Die Anpassung der Haustiere an den Menschen geht sogar so weit, dass Hunde ihren Besitzern nicht selten ähnlich zu sehen scheinen ... Warum sollte sich der Nachahmungseffekt auf Haustiere beschränken? Könnte es nicht sein, dass sich die gesamte Tierwelt in ihrem Verhalten dem dominantesten Wesen auf der Erde - dem Menschen - angepasst hat?
Beim Raubtierverhalten der Tiere wird gerne mit »natürlichem Instinkt« und »angeborenem Verhalten« argumentiert. Doch dass es Tieren keineswegs »angeboren« sein muss, andere Tiere zu essen, zeigt nicht zuletzt eine Studie mit Katzen: Junge Kätzchen, die in einem geschlossenen Gehege ohne Mutter zusammen mit Mäusen aufgewachsen sind, kamen nie auf die Idee, diese zu fangen und aufzuessen. Lediglich die Katzengruppe, die von klein auf in einem Gehege gemeinsam mit einer ausgewachsenen Katze lebte, übernahm von ihrer ans Jagen gewöhnten Mutter die Angewohnheit, Mäuse zu jagen. Die Kleinen ahmen die Großen nach - das gilt auch für Tiere und ihre »großen Menschengeschwister«. Unsere Aggressivität hat die Aura der Erde offenbar vergiftet - und die Tiere, die in diesem negativen Energiefeld leben, haben unser Verhalten aufgenommen.

Kannibalismus durchbrechen:
Für eine friedvolle Erde

Muss dies so bleiben? Wenn nun wir selbst die Tierwelt verdorben haben, liegt es im Umkehrschluss an uns Menschen, den kannibalistischen Kreislauf zu durchbrechen und als »vernunftbegabte Spezies« damit zu beginnen, der Achtung und Friedfertigkeit gegenüber allen Mitgeschöpfen auf diesem Planeten zum Durchbruch zu verhelfen. So kann Wirklichkeit werden, was Seher und Propheten aller Zeiten immer wieder angekündigt haben: Ein Reich des Friedens, in dem »der Wolf beim Lamme liegt und der Panther beim Böcklein; wo »der Säugling vor dem Schlupfloch der Natter spielt«. Gemeint ist eine Welt, in der Menschen und Tiere Freunde sind. 
Wenn Sie in diesem Reich des Friedens dann zur Arbeit gehen, wird auf Ihrem Weg vielleicht ein Reh stehen und es wird Ihnen ohne Furcht in die Augen blicken - und es wird nicht weglaufen. (Silke Dziallas)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 4/01


Literatur: 

 


Copyright © Verlag DAS WEISSE PFERD GmbH, Marktheidenfeld, Deutschland
Altfeld, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld, Fax: 09391 / 504-210
http://www.das-weisse-pferd.com - E-Mail: info@das-weisse-pferd.com

TV-Programmtipp:
http://www.erde-und-mensch.org/de

Einige aktuelle Themen
:
Im Blickpunkt: Die Main-Post - http://www.das-weisse-pferd.com/2009/mainpost_universelles-leben.html

Die Neue Zeit-TV auf Astra Digital - http://www.das-weisse-pferd.com/2009/die_neue_zeit.html
Die Kirche soll sich nicht mehr "christlich" nennen - http://www.christus-oder-kirche.de

Die verschwiegenen Leiden von Organspender und Organempfänger - http://www.theologe.de/theologe17.htm