Hinter den Klostermauern

Die (S)Exzellenzen

Zölibatäre Schürzenjäger, schwangere Nonnen und Abtreibung auf bischöfliches Geheiß - bloß Einzelfälle? Was Moralapostel hinter Klostermauern wirklich treiben ...

»Das Problem ist bekannt« - so lautete die lapidare Stellungnahme eines Vatikansprechers, als im März dieses Jahres der bislang größte Sexskandal der katholischen Kirche ruchbar wurde: Seit Jahren gehen in Rom detaillierte Berichte über ein perfides System sexueller Ausbeutung von Nonnen und Klosterschülerinnen durch Priester und Bischöfe ein. Am schlimmsten soll es in Afrika sein, wo der Klerus mit Rücksicht auf die Aids-Gefahren inzwischen die Bordelle meidet und die Lust in den eigenen Reihen sucht. Aber auch in USA, Irland und Italien sollen die Nonnen den geistlichen Herren gefügig gemacht werden, zum Teil sogar durch nackte Gewalt. Die Ärztin und Missionarin Maura O’Donohue, die sechs Jahre in Afrika arbeitete, berichtete bereits 1994 von Priestern, die eine Ordensoberin baten, »Schwestern für sexuelle Dienste zur Verfügung zu stellen«. Und 1998 wandte sich die Ordensschwester Maria McDonald in einem vertraulichen Bericht an den Vatikan, aus dem ebenfalls hervorgeht, dass sexuelle Belästigungen und sogar Vergewaltigungen von Schwestern durch Priester und Bischöfe weit verbreitet sind. Und wenn die Opfer schwanger werden - in Malawi waren es einmal 29 Nonnen - werden sie zur Abtreibung gedrängt. Die geistliche Betreuung ist ihnen dabei bis zum Tode sicher: Als eine der von einem Monsignore geschwängerten Nonnen den Eingriff nicht überlebte, las ihr der exzellente Liebhaber die Totenmesse. Wer nicht abtreiben lässt, wird aus dem Orden entlassen. Als sich die Oberin der 29 Schwangeren Hilfe suchend an den Ortsbischof wandte, wurde sie disziplinarisch abgestraft - so der Report der Ordensschwester McDonald.

Selige Lustknaben

Hunderte von namentlich unterschriebenen Berichten liegen dem Vatikan vor, nicht nur aus Afrika, sondern aus insgesamt 23 Ländern. Der Vatikansprecher, dem »das Problem bekannt« ist, wiegelte ab: Es sei »geographisch begrenzt«. Und der Münchner Kardinal Wetter verurteilte »Sensationsmeldungen« über dieses Thema. Die Fälle von Fehlverhalten und Schuld müssten »in einem Gesamtzusammenhang beurteilt werden«. Die Angelegenheit würde sich »statistisch immer noch in einem ganz kleinen Rahmen bewegen«, zitiert die Süddeutsche Zeitung das erzbischöfliche Ordinariat in München. Der Vatikansprecher, der das Problem für »begrenzt« hält, spricht zwar von Untersuchungen, aber nicht von konkreten Konsequenzen für die klerikalen Täter.

Moralischer Super-GAU

Die Verharmlosungsversuche der Kirchenvertreter angesichts dieses moralischen Super-GAUs sind atemberaubend. Vor Staatsanwälten fühlt man sich hinter den Mauern des Vatikans allemal sicher. Doch was ist mit den Bischöfen vor Ort und den Ordensoberen, die in den Sexualskandal verstrickt sind? Sollen sie einfach straflos ausgehen? Und wie hält man es mit der Öffentlichkeit, der sich die Kirche in Sachen Moral immer noch als oberste Instanz präsentiert? Der päpstliche Bannfluch gegen Abtreibungen und die Ordnungsrufe an die deutschen Bischöfe erhalten einen reichlich pharisäischen Beigeschmack angesichts der Zustände in katholischen Orden. Nichts zerrüttet die gesellschaftliche Moral mehr als die Scheinheiligkeit öffentlicher Moralapostel. Man stelle sich einmal vor, was passieren würde, wenn eine der neuen religiösen Bewegungen, die von den Kirchen so gern als »gefährliche Sekten« diffamiert werden, mit spiritueller Nötigung oder körperlicher Gewalt Liebesdienste ihrer jugendlichen Anhängerinnen erzwingen würden. Könnte es sich dann ein deutscher Vertreter solcher Organisationen - so wie der Münchner Kardinal - leisten, vor »Sensationsmeldungen« zu warnen? Was hinter den Mauern einer katholischen Institution geschieht, ist nur so lange deren Sache, als es nicht um Menschenrechtsverletzungen, sexuelle Gewalt oder Missbrauch von Abhängigkeiten geht. Die Frauen waren dieser Kirche ja von Anfang an wenig wert - zunächst nicht viel mehr als Sklaven und Tiere; ob sie überhaupt im Besitz einer unsterblichen Seele seien, war für katholische Theologen lange Zeit höchst fraglich. Auch heute nehmen sie Frauen nicht für voll.

Mit der Verfassung auf Kriegsfuß

Die römisch-katholische Männergesellschaft bleibt unter sich und schließt die Frauen von Amt und Würden aus. Wenn die Repräsentanten einer solchen mit Grundwerten der Verfassung auf Kriegsfuß stehenden Institution immer noch als moralische Oberlehrer auftreten, wirkt dies nicht nur peinlich, sondern für die gesellschaftliche Moral zersetzend. Die Korruption in kirchlichen Organisationen wie der Caritas, die Nähe des Vatikans zur Mafia, die sich häufenden Fälle von Kindsmissbrauch und die sexuelle Gewalt gegen Nonnen in katholischen Orden - das alles lässt den kirchlichen Einfluss in staatlichen und halbstaatlichen Gremien, in Rundfunkräten und Jugendausschüssen als äußerst fragwürdiges Überbleibsel aus Zeiten erscheinen, in denen es den Kirchen noch besser gelang, die eigenen Zustände zu vertuschen, päpstliche Bordelle und hauseigene Lustknaben ebenso wie Giftmorde und Bestechungsskandale. Jahrhunderte lang blieb das kirchliche Sündenbabel aus sex and crime und die Ruchlosigkeit von Päpsten und Kardinälen der Öffentlichkeit verborgen - dank eines totalitären Zwangssystems, das seine Gegner physisch und geistig mundtot machte. Einer seiner Repräsentanten, Pius IX., der in seinem Vatikanstaat noch politische Gefangene einkerkerte und die Todesstrafe praktizierte, wurde soeben selig gesprochen. 
Die verlogene Moral dieser Institution, die der Menschheit so viel Blut und Tränen brachte, dringt heute immer stärker durch das christliche Deckmäntelchen hindurch. Jesus von Nazareth appelliert an unsere Unterscheidungskraft: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Und wie sagte der Vatikansprecher? »Das Problem ist bekannt.« Also dann - bleibt all denen, die sich mit solchen Verhältnissen nicht durch Kirchensteuerzahlungen solidarisieren wollen, nur die Möglichkeit, aus dieser Kirche auszutreten.

Keine Einzelfälle ...

Vor wenigen Jahren wurde in Irland bekannt, welche Qualen Waisenkinder in katholischen Kinderheimen zu erdulden hatten. Sie wurden geschlagen, teilweise erschlagen, von Priestern missbraucht, seelisch oft für den Rest ihres Lebens geschädigt. Als man daraufhin ein Telefon für Betroffene einrichtete, meldeten sich in kurzer Zeit 3000 Anrufer. 600 davon wurden an Therapeuten weitervermittelt.
Sexuelle Übergriffe von Priestern gegen Kinder oder gegen Frauen sind also keine Einzelfälle. Sie resultieren aus einer Zwangs- und Verbotsmoral, die den Menschen, vor allem den im Zölibat lebenden Kleriker, kaum befähigt, sich in Freiheit eigene ethische Maßstäbe für sein Leben zu erarbeiten. Stattdessen suchen sich die verdrängten Regungen gewaltsam ein Ventil gegenüber den Schwächsten, oft den Kindern.
Das ganze Ausmaß der seelischen Tragödien, die dadurch ausgelöst werden, kann man vielleicht erahnen, wenn man erfährt, dass die amerikanischen Bischöfe bisher eine halbe Milliarde Dollar an Schmerzensgeldern an die Opfer sexueller Misshandlungen durch Priester gezahlt haben. Und man kann vielleicht erahnen, wie viele Fälle auch bei uns noch ans Tageslicht kommen würden, wenn, wie in den USA, offen über das Problem gesprochen werden könnte

Literatur:


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 5/01

 


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