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Nahost-Konflikt – Trauer, Zorn und religiöser Fanatismus
Wer steigt aus
aus dem Kreislauf der Gewalt?
Palästina ist nicht nur durch den Konflikt zweier Völker gespalten, auch die jeweiligen Bevölkerungen sind gespalten. 50 % aller Israelis glauben, »dass eine Ausweisung aller Palästinenser aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen in arabische Nachbarländer gut für Israel wäre« und immerhin 20 % halten diese Idee auch für realistisch
(Umfrage der israelischen Tageszeitung Maariv vom Oktober 2001). Auf der anderen Seite glauben im Februar 73 % der Palästinenser, dass beide Völker, Israel und Palästina, nach der Gründung eines palästinensischen Staates in friedlicher Koexistenz zusammenarbeiten müssen. Ein gutes Viertel würde dies demnach anders sehen. In dieser Situation hat die jüngste saudi-arabische Friedensinitiative, die auch von den USA befürwortet wurde, Hoffnung bei versöhnungsbereiten Menschen auf beiden Seiten geweckt. Demnach könne Israel Frieden mit allen arabischen Staaten haben, wenn es die 1967 eroberten Palästinensergebiete zurückgebe und einem eigenen Palästinenserstaat mit dem arabischen Ost-Jerusalem als Hauptstadt zustimme.
Währenddessen drehte sich die Spirale der Vergeltung zwischen Israelis und Palästinensern in den letzten Monaten aber immer schneller und die Anzahl der Toten und Schwerverletzten stieg sprunghaft an. Dies kann dazu führen, dass die Befürworter eines friedlichen Miteinander in beiden Volksgruppen immer weniger werden, und neue Gewaltakte wurden von den Tätern meist als Vergeltung für den vorherigen Gewaltakt der anderen Seite gerechtfertigt. In
der Ausgabe Nr. 5/2001 (Druckausgabe) zitierten wir bereits den israelischen Politiker Jossi Sarid mit den Worten: »Wir, gepeinigt von Trauer und Zorn, werden weiter auf die Palästinenser einschlagen, ohne uns um deren Leid zu scheren; und sie, gepeinigt von Trauer und Zorn, werden auf uns einschlagen, ohne sich um unsere Leiden zu scheren. Und dann erst werden wir völlig erschöpft an den Verhandlungstisch zurückkehren«
(dpa, 6.4.2001). Das war vor ca. einem Jahr und der Verlauf der Ereignisse seither hat deutlich gemacht, dass die Hoffnung, beide Seiten könnten schon bald »erschöpft« vom gegenseitigen Terror sein, sich in dieser Zeit nicht erfüllt hat. Nur wenige, wie der israelische Fallschirmjäger Amit Gal, weigern sich z. B. aus Gewissensgründen, in den Krieg zu ziehen, wofür der Fallschirmjäger zu 28 Tagen Haft verurteilt wurde.
Eine unheilvolle Rolle spielt auf beiden Seiten die Religion. Viele palästinensische Selbstmord-Attentäter rissen auch unbeteiligte Israelis ohne Rücksicht auf deren politische Einstellung und deren Alter mit den Tod, und bei einem der Anschläge in einem Bus wurden sogar Palästinenser mit umgebracht. Die Attentäter werden teilweise mit der Aussicht auf paradiesische Zustände im Jenseits gelockt. Und auf israelischer Seite berufen sich jüdische Siedler schon immer auf die Bibel, wenn sie Land von Palästinensern rauben und wenn deren Häuser niedergerissen werden, um z. B. Platz für neue jüdische Siedlungen zu machen. Eine wesentliche Rolle spielt z. B.
4. Mose 33, 53: » ... und sollt das Land einnehmen und darin wohnen, denn euch habe ich das Land gegeben, dass ihr´s in Besitz nehmt.« Oder
5. Mose 11, 24: »Alles Land, darauf eure Fußsohle tritt, soll euer sein; von der Wüste bis an den Berg Libanon und von dem Strom Euphrat bis ans Meer im Westen soll euer Gebiet sein.« Erst im November rief Premierminister Scharon »Juden in aller Welt« auf, nach Israel auszuwandern. »Mindestens eine Million Juden« würde er gerne neu im Land begrüßen
(Spiegel Online, 8.2.2002). Und wo sollen die Menschen siedeln? Schon im Mai 1999 torpedierte Scharon damals noch als Oppositionspolitiker den Friedensprozess zwischen beiden Völkern, indem er die Siedler dazu aufrief, die Palästinensergebiete Zug um Zug in Besitz zu nehmen: »Besetzt Hügel um Hügel und gründet Siedlung nach Siedlung.« Scharon ist dabei kein Einzelgänger. Der bei einem Attentat im Oktober getötete israelische Tourismusminister Seewi
forderte den »Transfer« (= Vertreibung) der Palästinenser genauso wie sein Nachfolger im Amt Elon, der aus Protest gegen die seiner Meinung nach zu nachgiebige Haltung Scharons mittlerweile zurückgetreten ist. Und Sicherheitsminister Landau strebt durch die Vertreibung des Nachbarvolkes sogar ein »araberreines Israel vom Jordan bis zum Meer« an
(Spiegel online, 20.12.2001). Und würde man eine weitere Anweisungen aus dem
5. Mosebuch der Bibel befolgen, was glücklicherweise noch niemand getan hat, würde es noch schlimmer kommen. Denn dort heißt es: »Aber in den Städten dieser Völker hier, die dir der Herr, dein Gott, zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat«
(5. Mose 20, 16). Ob mit den religiösen Fanatikern beider Seiten der saudi-arabische Friedensplan eine Chance hat?
Man kann nur hoffen, dass immer mehr Menschen auf beiden Seiten aufwachen, die unsagbare Schuld des eigenen Lagers bereuen und sich von den gewalttätigen Seiten ihrer Religion lossagen, damit der gesunde Menschenverstand wieder eine kleine Chance bekommt.
(D. Potzel)
Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 4/02 |