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Die Wurzel der Urchristen Der Strom des Urchristentums Wohl kaum ein Begriff wurde in den vergangenen 2000 Jahren so häufig missbraucht wie der des »Christentums«. Wer den wahren Kern dieses Begriffs erfassen will, der muss zur Wurzel zurückgehen: zum Urchristentum Bald hört man ihn wieder in den Wäldern – den Ruf des Kuckucks. Bald wird er seine Eier wieder in fremde Nester legen, sie von fleißigen Vogeleltern ausbrüten lassen. Und der junge Kuckuck wird, kaum geschlüpft, die anderen Mitbewohner aus dem Nest werfen. Nur ein merkwürdiges Naturschauspiel? Oder hat es uns Menschen etwas zu sagen? Wie oft in der Geschichte kam es bereits vor, dass ein hohes Ideal in eine ganz andere Richtung umgelenkt wurde? Zum Beispiel: das Urchristentum, das von der Kirche als Hülle benutzt und mit ganz anderem Inhalt gefüllt wurde. Wir können uns das Urchristentum als einen großen Strom vorstellen. Dieser Strom ist das lebendige Wort Gottes, das seit Jahrtausenden durch erleuchtete Männer und Frauen, durch Propheten und Prophetinnen, zu den Menschen fließt – so z. B. durch den großen Propheten Moses, der die Zehn Gebote zu den Menschen brachte. Oder durch Jesaja, durch den Gott den Menschen das Friedensreich ankündigte, in dem der Wolf beim Lamm liegen wird, in dem Löwe und Kalb friedlich miteinander weiden, in dem das Kind vor dem Schlupfloch der Natter spielt, und es geschieht »nichts Böses auf dem ganzen himmlischen Berge«. In Jesus von Nazareth kam der Sohn Gottes als Mensch auf die Erde und griff diesen Strom wieder auf. Jesus von Nazareth war äußerlich ein einfacher Mensch, ein Handwerker. Er bezog sich in Seinen Reden an die Menschen auf die großen Propheten der Israeliten und erweiterte diese Lehren. Er sprach vom »Reich Gottes«, das nahe ist, das »inwendig in jedem Menschen« ist. Er sprach davon, dass jeder Mensch ein Tempel des Heiligen Geistes ist, dass man also keine äußeren Tempel braucht, um Gott nahe zu kommen. Sondern man muss die innere Tempelordnung einhalten, also die Gebote Gottes befolgen. Er griff die Zehn Gebote des Moses wieder auf und vertiefte sie. »Die Alten haben gesagt: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch: Wenn du zu deinem Bruder sagst: Du Narr!, hast du das Gebot schon gebrochen.« Er sprach in der Bergpredigt von der »Goldenen Regel«: Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut ihr ihnen zuerst. Und Er sprach davon, dass wir diese Lehre nicht nur hören, sondern auch tun, also umsetzen sollen. Jesus war alles andere als ein bequemer Zeitgenosse, Er war ein geistiger Revolutionär, der ein radikales Umdenken lehrte und auch vorlebte: Alles, was in der Welt als erstrebenswert gilt: Erfolg, Reichtum, Ansehen, Anerkennung, Macht, wird in Frage gestellt, ist zur Erlangung der Seligkeit sogar hinderlich. Mit Hilfe der inneren Gotteskraft ist es möglich, sich selbst zu erkennen, seine Fehler zu bereuen, um Vergebung zu bitten, zu vergeben, den Schaden wieder gut zu machen und das als falsch Erkannte nicht mehr zu tun. Auf diesem Prinzip beruhten auch die Heilungen, die Jesus von Nazareth bewirkte: »Gehe hin, und sündige nicht mehr«, sagte Er zu einer Frau, die Er geheilt hatte. Und zu einem anderen: »Dein Glaube hat dir geholfen.« Es ist jedoch nicht der passive Glaube, der lediglich etwas für wahr hält, sondern es ist der aktive Glaube, der darin besteht, dass der Mensch täglich sein Denken und Fühlen hinterfragt, inwieweit es dem Willen Gottes entspricht, und es mit Gottes Hilfe ändert, wenn es nicht in Ordnung ist. Wie die Urchristen lebten Es waren einige
wenige, die Ihm die Treue hielten – und durch sie entstand das frühe
Christentum, das Urchristentum. Der Theologe Walter Nigg schreibt in Seinem Buch
Prophetische Denker über das Urchristentum: »Eine alle Widerstände durchbrechende, religiöse Begeisterung hatte ihre Anhänger erfasst. ... Eine dynamische Kraft erfüllte die Menschen, riss sie zu überaus kühnen Taten hin und ließ sie den revolutionären Grundsatz proklamieren, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen« »Kreuze beten wir nicht an« Wenn die Urchristen in schlichten Räumen zusammenkamen, pflegten sie keine Rituale, sondern sie beteten, sangen, sprachen miteinander – oder sie hielten ein gemeinsames Mahl, das aber kein rituelles Abendmahl war, wie es heute in den Kirchen gehalten wird, sondern ein feierliches Abendessen. Sie nannten es »agape«, »Liebesmahl«, das sie im Bewusstsein einnahmen, dass in jedem von ihnen Christus lebt und dass auch in den Speisen, ja in der gesamten Natur Gottes Geist lebendig ist. Kirchliche Rituale aus heidnischen Kulten Das änderte sich schon gegen Ende des zweiten Jahrhunderts. Es kamen Menschen in die Gemeinden, die ihre Vorstellungen und Meinungen durchsetzen wollten. Die Diakone, Priester und Bischöfe, die ursprünglich nur Verwalter waren, die die Kasse oder das Eigentum der Gemeinden verwalteten oder die Spenden, die an die Armen verteilt wurden, diese Priester und Bischöfe erschlichen sich im Laufe der Zeit immer mehr Macht und Einfluss. Sie begannen, für ihre Dienste Geld zu nehmen und schon bald auf Kosten der Gemeinde zu leben. Diese Entwicklung wurde dadurch verstärkt, dass bei den Christenverfolgungen oft die stärksten Vertreter der Urgemeinden ums Leben kamen oder durch die Folter geschwächt wurden. Die Bischöfe hatten ein Interesse daran, dass die Kassen sich füllten, deshalb befürworteten sie die Aufnahme möglichst vieler Heiden in die Gemeinden und wollten ihnen entgegen kommen – auch durch Kompromisse in Glaubensfragen. Und es entwickelten sich Rituale. Denn in den Mysterienkulten gab es allerlei interessante Bräuche: Es gab rituelle Messfeiern mit Abendmahl, mit besonderen Messgewändern, mit Altar, Weihwasser und Ministranten, mit Glockengeläut und Niederknien, es gab natürlich äußere Tempel mit Prunk und Pomp. Es gab Heilige und Heiligenverehrung, es gab die Verehrung der großen Muttergöttin, aus der sich dann die Marienverehrung entwickelte, es gab auch Reliquien und spezielle Feiertage der Heiligen bzw. Halbgötter, es gab Wallfahrten und Wallfahrtsorte, Prozessionen, es gab Sakramente wie die Taufe oder die letzte Ölung ... Die konstantinische Staatsreligion Als dann im vierten Jahrhundert Konstantin, ein grausamer und skrupelloser Militärführer, um die Macht im römischen Reich kämpfte, erkannte er, dass die Organisation der
so genannten christlichen Kirche, die sich inzwischen weit von ihren ursprünglichen Idealen entfernt hatte, ihm von Nutzen sein konnte. Er begann, die Kirchenorganisation, also die Kleriker, auf seine Seite zu bringen. Er hob alle Religionsbeschränkungen auf und machte den Priestern und Bischöfen große Geschenke an Geld und Immobilien und gab ihnen Privilegien, z. B. Steuerfreiheit. Im Gegenzug unterstützte die Kirche seine Machtpläne. Die Rechnung ging auf: Konstantin errang mit blutigen Gemetzeln, mit Grausamkeit und Verrat die Macht im gesamten römischen Reich – und die Kirche wurde de facto Staatsreligion. Die Bischöfe saßen wie Könige auf Thronen, sie erbauten Kirchen, Basiliken, die im Grundriss den kaiserlichen Palästen nachgeahmt waren, sie beanspruchten ein Viertel der Kircheneinnahmen für sich persönlich usw. An all dem hat sich bis heute grundsätzlich kaum etwas geändert. Auch Gewalt gegen Tiere war inzwischen üblich geworden. Bereits Paulus, der in vielerlei Hinsicht die christliche Lehre verfälscht hat, hatte den frühen Christen die Erlaubnis für jede Art von Fleischverzehr gegeben, indem er sagte: »Alles, was ihr auf dem Fleischmarkt findet, das esst, und denkt nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht beschwert.« Urchristentum heute Man kann also sagen: Der kirchliche Glaube ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil dessen, was Jesus von Nazareth wollte und lehrte. Und: Die Kirche ist also eine Abspaltung, eine »Sekte«, die sich vom ursprünglichen Strom des Urchristentums weit entfernt und ihn in sein Gegenteil verkehrt hat. Später gab es dann weitere Abspaltungen, weitere »Sekten«, etwa die protestantische Großsekte. Hier wurde zur Abwechslung das Schwergewicht nicht auf äußere Leistungen gelegt, sondern auf den Glauben: Der Glaube allein genügt. Das ist genau das, was in den heidnischen Kulten auch gefragt war: Irgendeine Götterstatue anbeten, und alles wird gut. Aber auch das hat mit dem aktiven urchristlichen Glauben nichts zu tun. Es liegt an jedem einzelnen von uns, wie er diese einmalige Chance genützt hat und noch nützen wird. Es liegt an jedem einzelnen, wie rasch das Friedensreich unter uns Gestalt annehmen kann.
(Matthias Holzbauer)
Lesen Sie auch die Serie "Verfolgte Gottsucher": Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 4/02 |
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