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Die Sprache
der Tiere
Meister der
Verständigung
Ein Hase hört
nicht nur deshalb mehr als wir, weil er seine Lauscher besser in den Wind halten
kann: Denn das sensible Kommunikationsspektrum der Tiere geht weit über die
Ausdrucksmöglichkeiten menschlicher Sprache hinaus. Wer mit Tieren
sprechen möchte, muss diese ehrliche, feine
Sprache erst wieder erlernen.
»Das bin ich«, sagt Warhoe und deutet auf ihr Spiegelbild. Die
Schimpansendame aus USA beherrscht über hundert Begriffe in Taubstummensprache,
die sie in kreativen Wortschöpfungen zu erweitern und ergänzen weiß. Eine
Sensation, die in die wissenschaftliche Literatur eingeht - als lebender Beweis,
dass Tiere ein Bewusstsein haben. Warhoe sollte nicht die einzige bleiben, ihr
folgten Koko, Kanzi und andere Affen, die im Sprachforschungszentrum in Atlanta
sensationelle Ergebnisse erzielten. Sie verstanden gesprochene Sätze wie »Leg
die Melone in die Schüssel« mühelos und stellten mithilfe einer eigens
entwickelten Tastensprache das Sprach- und auch Grammatikverständnis eines
zweijährigen Kindes unter Beweis. Die Tiere äußerten dabei auch ihre Gefühle (»Koko
durstig«) und beschrieben auch den Zustand ihrer Kameraden (»Pferd traurig«).
Der tragische Beigeschmack dieser faszinierenden Ergebnisse: Tieren wird von uns
Menschen offenbar nur dann ein Bewusstsein zuerkannt, wenn sie sich zur
Verständigung des von uns anerkannten Kommunikationsmittels bedienen, der
Sprache. Wer nicht spricht,
wird aufgegessen Dass heute einzig die menschliche Sprache als
Maßstab für Intelligenz und Bewusstsein gilt, geht auf René Descartes zurück,
der vor dreihundertfünfzig Jahren behauptete: »Eine solche Sprache nämlich ist
das einzig sichere Indiz dafür, dass hinter der Fassade des Körpers ein Denken
verborgen ist, und eben dieser Sprache bedienen sich zwar alle Menschen ..., aber
kein einziges Tier«. Diese verhängnisvolle Auffassung schließt an den
Kirchenlehrer Thomas von Aquin an, der bereits im 13. Jahrhundert den Tieren die
unsterbliche Seele abgesprochen hatte. Das Schicksal der Tiere auf unserem
Planeten war mit Descartes jedenfalls endgültig besiegelt: Wer nicht unsere
menschliche Sprache spricht, zieht den kürzeren - wird gemästet, landet auf den
Bratenspießen der Menschen, in den Schlachthäusern, Versuchsanstalten und
Massenställen. Erst spät - zu spät - registriert nun die Naturwissenschaft, was
Tierfreunden, Tierbeobachtern und Tierkennern längst selbstverständlich ist,
dass nämlich Tiere sehr wohl ein Bewusstsein haben und über ein weit
komplexeres, feineres und präziseres Kommunikationssystem verfügen, als es die
menschliche Sprache ist.
Tiere stellen
Sprachrekorde auf Tiere nutzen je nach ihrer Art
unterschiedliche Kommunikationsmöglichkeiten, oft Kombinationen aus akustischen,
chemischen und optischen Signalen und fein abgestimmten Gesten, die sich der
menschlichen Wahrnehmung zum Teil entziehen: Immer noch ist es den Biologen zum
Beispiel ein Rätsel, wie eine Biene, deren Gehirn nicht einmal die Größe eines
Stecknadelkopfes hat, ihren Kolleginnen mit einer Art Tanzsprache den präzisen
Ort, die Menge und Qualität einer Nahrungsquelle mitzuteilen vermag. Die
Hornissenkönigin vermag mithilfe eines chemischen Stoffes die Nestbauaktivitäten
ihres Volkes zu regulieren.
Viele Tierarten stellen mit ihrer Kommunikationsfähigkeit Rekorde auf, die ein
Mensch nicht annähernd erreicht: Blauwale, deren Schallenergie dem Startlärm
einer Spaceshuttle vergleichbar ist, durchdringen mit ihrem Schnauben ein ganzes
Weltmeer. Bis zu 4.500 Kilometer weit können sich auch Finnwale verständigen -
mit Tönen, die so tief sind, dass sie gerade noch im Hörbereich des Menschen
liegen. Und Buckelwale komponieren gar Gesänge mit erkennbaren Melodien,
Strophen und Wiederholungen, die von anderen Walen aufgenommen und in der Tiefe
der Meere musikalisch weiterentwickelt werden.
Zu Lande sind die Verständigungsmöglichkeiten der Tiere nicht weniger
faszinierend: Elefanten beispielsweise, die größten Landtiere, erzeugen in ihren
Schädelhöhlen tiefe Laute, die der Mensch nicht mehr wahrnehmen kann, die aber
in den Steppen und Savannen über Hunderte von Kilometern von anderen Elefanten
gehört und erwidert werden - schnurlose Kommunikation und ganz ohne Handy. Auch
im Geruchssinn, mit dem chemische Signale ausgetauscht werden, sind viele
Tierarten dem Menschen weit überlegen: Ein männliches Nachtpfauenauge nimmt den
Geruch eines Weibchens wahr, das 11 km entfernt ist - und ihm reicht dabei ein
einziges Molekül, das seine empfindlichen Rezeptoren aufspüren. Und Dachse
erschnüffeln sich aus den Latrinen an ihren Reviergrenzen gar die Neuigkeiten
vom Nachbarn. Doch nicht nur die Rekorde sind es, die uns lehren, dass Tiere -
obwohl sie kein Latein, Französisch oder Griechisch beherrschen - uns in ihrer
Kommunikation weit überlegen sein können. Es sind die ganz alltäglichen
Begegnungen mit Hunden, mit Katzen, Pferden usw., von denen jeder Tierfreund
oder Tierhalter wahre Wunder erzählen könnte. »Ich weiß immer auf die Minute
genau, wann mein Mann nach Hause kommt, denn fünf Minuten vorher springt unser
Hund zum Fenster und hält nach ihm Ausschau«, erzählt eine Hundemutti in einer
Tierarztpraxis. Dieses Phänomen hat auch den englischen Biologen Rupert
Sheldrake zu Forschungen veranlasst, die ihn zu seiner Theorie der
»morphogenetischen Felder« führte, über die eine Art telepathische Kommunikation
möglich ist. Gerade bei Tieren, die in der Nähe des Menschen leben, kann man die
vielschichtige Art der Wahrnehmung gut beobachten, die uns Menschen Rätsel
aufgibt und uns unsere Grobschlächtigkeit in Sachen Kommunikation immer wieder
vor Augen führt. Katzen beispielsweise finden zu ihrem vertrauten Ort zurück,
auch wenn die Menschen, mit denen sie zusammenleben, den Wohnort wechseln. Sie
orientieren sich dabei - ähnlich wie Brieftauben oder Zugvögel - an den
elektromagnetischen Feldern, für die wir Menschen keine Antennen besitzen.
Gerade wer Hunde oder Katzen beobachtet, wird feststellen, mit welch großem
Spektrum an Signalen sie sich gegenseitig begegnen. Sie sind in ihrem Ausdruck
präzise und eindeutig, was man von Menschen, die sowieso meist anders sprechen,
als ihnen wirklich zumute ist, nicht behaupten kann. Treffen zum Beispiel zwei
Hunde aufeinander, werden alle Register der sichtbaren Ausdrucksmöglichkeiten
gezogen: Der Blick, die Schwanzbewegung, die Stellung zueinander, Bellen oder
freudiges Beschnüffeln - alles spielt eine Rolle, es ist eine Kommunikation mit
allen Sinnen. Dass aber dieses wache Erfassen des Gegenübers nicht nur auf einer
erlernten Interpretation körperlicher Signale beruht, zeigt das Zusammentreffen
oder Zusammenleben von Hund und Katze. Der Mensch unterstellt diesen beiden
Tierarten, sie könnten sich nicht leiden. In der Tat ist ihre Körpersprache
völlig gegensätzlich: Schwanzwedeln beim Hund heißt soviel wie »Ich freue mich«.
Schlägt eine Katze hingegen mit dem Schwanz hin und her, gibt sie damit ihrem
Ärger Ausdruck; dem Gegenüber ist Vorsicht geboten. Doch obwohl Hund und Katze
eine andere Körpersprache sprechen, können sie gute Freunde sein. Ihr Austausch
funktioniert eben nicht nur über simple Gesten, vielmehr scheinen Tiere die
wahren Absichten, das was hinter Worten und Gesten steckt, viel besser zu
erspüren als der Mensch. Tiere »verbinden mit ihren Gebärden ein inneres Bild«,
schreibt dazu der Biologe Immanuel Birmelin, und weiter: »Es gibt keinen
direkteren Zugang zum geistigen und psychischen Leben der Tiere als eine
gemeinsame Sprache.« Diese gemeinsame Sprache, über die sich beispielsweise Hund
und Katze trotz unterschiedlicher Gebärden verständigen und die es auch dem
Menschen ermöglichen könnte, zu Tieren eine Kommunikation aufzubauen, muss eine
Art Bildersprache sein. Eine Tierärztin berichtet über einen Hund, der einige
Tage als Patient in ihrer Tierklinik war: »Wenn ich sagte, ‘Geh raus auf die
Wiese und mach Pipi’, dann ging der Hund hinaus, erledigte sein Geschäft und kam
wieder herein.« Hat der Hund das innere Bild der Tierärztin aufgenommen und
darauf reagiert?
Austausch
der »Schnupperbilder«
»Die Übernächsten (gemeint sind die Tiere) mit weit entfalteten Teilseelen
haben eine gute Unterscheidungsgabe«, beschreibt Gabriele, die Prophetin und
Botschafterin Gottes in der heutigen Zeit, diese Bildersprache zwischen Mensch
und Tier. »Sie erforschen und erlernen auch die Sprache des Menschen und
beobachten ihre Regungen. Aus dem Klang ihrer Stimme, in der Wahl ihrer Worte,
aus der Art, wie sie ausgesprochen werden - mit Härte oder Milde, mit
Traurigkeit, Verzagtheit oder mit Zuversicht und Hoffnung, mit Selbstlosigkeit
oder Ichbezogenheit -, hören sie heraus, wie es um den Menschen bestellt ist, ob
er ausgeglichen oder schwankend ist, ob er seinem Wesen nach feinfühlend und
gleich bleibend ist oder unberechenbar. Was sie hören und sehen, erschnuppern
sie zugleich. Sie erschnuppern den Duft der Worte und auch der Gedanken. Denn
wie der Mensch empfindet, denkt, spricht und handelt, so riecht er. Selbst Töne
vermitteln Düfte.« So hat der Hundepatient offenbar erschnuppert, dass er zum
Gassi gehen aufgefordert worden war ... Bei vielen Tieren kann man dieses
aufmerksame Erschnuppern des Gegenübers sogar an der Mimik ablesen. Ein Pferd
schnüffelt dabei wie ein Hund und zieht die Oberlippe ganz hinauf zu den
Nüstern, als wollte es jeden Dufteindruck erhaschen.
Nun liegt es an uns Menschen, ob wir unsere Tiergeschwister in ihrer feinen
Kommunikation fördern oder ob wir ihnen unsere unsensiblen, groben
Verhaltensweisen überstülpen. Man kann gerade bei Haustieren, die ja auf den
Menschen ausgerichtet und von ihm abhängig sind, viel kaputt machen. »Wer seinen
Hund nicht ernst nimmt, wer in ihm nur ein Schmusetier sieht, das fressen,
schlafen und spazieren gehen will, der tötet die feine Kommunikation, die jedem
Hund von Natur aus zu eigen ist, ab«, erklärt die Tierärztin Ina Lautenschläger.
»Der Hund stumpft ab, weil er merkt, mit diesem Menschen ist eine vernünftige
Kommunikation nicht möglich.« Wer seinen Hund ernst nimmt und versucht, seine
vielfältigen Ausdrucksarten verstehen zu lernen, fördert das Tier. Es entwickelt
sich, ist wach und auch bereit, mit dem Menschen zusammenzuarbeiten.
Doch nicht nur Haustiere, auch Wildtiere beherrschen offenbar diese unsichtbare
Bildersprache und scheinen durch ein unsichtbares Kommunikationsband miteinander
verbunden zu sein. Wie sonst wüsste im Ameisenhaufen ein jedes Tier, was zu tun
ist? Wie sonst könnten Vogelschwärme in derart geordneten, harmonischen und
kunstvollen Formationen fliegen, für die eine gleichgroße Menschengruppe
jahrelang üben müsste? Ähnliches kann man auch bei Wildschweinen erleben: Ein
Wildhüter beobachtete eine 40-köpfige Wildschweingruppe: Die Tiere liefen völlig
geordnet in eine Richtung. Plötzlich blieben sie wie auf ein unsichtbares
Kommando stehen, schnupperten allesamt mit ihrem Rüssel, ob Gefahr droht, und
liefen dann alle gleichzeitig in eine andere Richtung weiter, als hätten sie
wortlos ausgetauscht, was in der Luft liegt.
Wer die Tiere, ihre Sprache und ihre sensible Kommunikation verstehen möchte,
muss sich diese Sensibilität selbst erarbeiten. Ein Mensch, der mit seinen
Mitmenschen grob und egoistisch verfährt, der sich selbst der Nächste ist, baut
sich einen Ego-Kokon auf, der für die feine, ehrliche Kommunikation der Tiere
undurchlässig wird. Wer hingegen bereit ist, sich zu hinterfragen, sich selbst
kennen zu lernen und den eigenen Verhaltensweisen auf die Schliche zu kommen,
der wird auch ein guter Tierbeobachter sein und die Verhaltensweisen der Tiere
wahrnehmen. Er wird die Tiere kennen- und verstehen lernen und ihm wird sich mit
der Zeit das weite Spektrum einer Kommunikation eröffnen, die das Walten des
Allgeistes, Gott, erahnen lässt. Denn letztendlich ist es der Allgeist, Gott,
der alle Lebewesen beatmet und der wie ein unsichtbares Band alle Lebensformen
verbindet, einschließlich der Menschen. Ob sich nun der Mensch dieser
Kommunikation verschließt oder ob er ihr zustrebt, das liegt in der Entscheidung
eines jeden einzelnen. (Matthias Holzbauer)
Literatur:
Ø
Du das Tier, Du der
Mensch, wer hat höhere Werte?, Verlag DAS WORT
http://www.das-wort.com/deutsch/jesus-und-die-tiere/du-das-tier---du-der-mensch.php
Ø
Volker Arzt: Haben Tiere
ein Bewusstsein?, Goldmann Verlag
Ø
Masson, McCarthy: Wenn
Tiere weinen, Rowohlt Verlag
Ø
Robert Sheldrake: Der
siebte Sinn der Tiere, Scherz-Verlag
AKTUELLE VORTRÄGE
im Palmensaal der Sophia-Universität, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld,
http://das-wort.com/deutsch/sophia-universitaet.php
Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 5/02 |