Pisa: Schlechtes Zeugnis für Deutsche Schüler

Die Neugier ab-erzogen

Ein halbes Jahr nach der PISA-Studie hat der Schock des Attentats von Erfurt auf schreckliche Weise an die Notwendigkeit einer Reform des deutschen Bildungssystems erinnert.

Robert S. hatte Angst vor den Klausuren in der Abiturklasse, die er bereits zum zweiten Mal besuchte. Er blieb deshalb dem Unterricht fern, fälschte Krankmeldungen – und wurde von der Schule verwiesen. In Thüringen bedeutet das: ohne Schulabschluss zu sein, nicht einmal den Realschul- oder Hauptschulabschluss zu haben. Ein halbes Jahr später erschoss Robert S. sechzehn Menschen – zwölf davon waren Lehrer. Sicher kann man einen Amoklauf wie den von Erfurt am 26. April 2002 nicht auf eine Ursache allein zurückführen. Dennoch wirft der Vorfall ein fahles Licht auch auf das deutsche Schulsystem, das erst kürzlich durch die PISA-Studie kritisch beleuchtet wurde.
»PISA« hat zwar nichts mit der italienischen Stadt gleichen Namens zu tun (siehe unten). Doch die Schieflage des deutschen Bildungswesens, so wurde das Ergebnis der Studie interpretiert, übersteigt offenbar diejenige des berühmten Turmes um einiges. Deutsche Schüler können Informationen aus Texten weit weniger gut herausfiltern und eigenständig Schlüsse daraus ziehen als Gleichaltrige aus anderen Ländern. Mehr als jeder fünfte der befragten 15jährigen kann einen Fahrplan nicht richtig lesen oder die Eintrittspreise fürs Schwimmbad ermitteln.
Woran liegt das? Sind deutsche Schüler dümmer als finnische? Was läuft falsch? Nach Erfurt und PISA wird Bildungspolitik endgültig zum Wahlkampfthema – zumal da im Juni die PISA-Ergebnisse der einzelnen Bundesländer veröffentlicht werden sollen. Da ist Streit angesagt.
Dabei eignet sich kaum ein Thema so wenig zum Parteienstreit. Zu verwirrend verlaufen die Fronten; klare Antworten muss man mit der Lupe suchen. Während die einen sagen, das deutsche Schulsystem sei viel zu leistungsbezogen, kontern die anderen, es werde im Vergleich zu anderen Ländern zu wenig Leistung verlangt (Der Spiegel Nr. 20/02). Und das Verrückte ist: Wahrscheinlich haben beide auf ihre Weise recht.

Ansporn oder Selektion?

Das deutsche Schulwesen selektiert in der Tat wie kaum ein anderes die Schüler nach ihren intellektuellen Leistungen und verteilt sie auf unterschiedliche Schultypen. Damit kann aber gleichzeitig auch die Verantwortung für die Kinder abgeschoben werden: Wer im Gymnasium nicht mitkommt, muss eben zurück in die Realschule, in die Hauptschule oder gar in die Sonderschule. 
Sogar die Lehrer werden selektiert nach Gymnasium (fast nur fachspezifische Ausbildung) und Hauptschule (mehr pädagogische Elemente). Eine Ausbildung zum frühzeitigen Erkennen von Fähigkeiten und Schwächen ihrer Schüler erhalten sie hingegen kaum.
In Finnland (das den Spitzenplatz in der ersten PISA-Auswertung belegte) bleiben die Kinder neun Jahre lang zusammen. Wer nicht mitkommt, erhält gezielten Förderunterricht. »Sitzenbleiben« gibt es nicht, Zensuren erst in den oberen Klassen. Wenn ein Schüler nicht mitkommt, wird der Lehrer nach den Gründen gefragt: Weshalb hat er ihn nicht gezielt gefördert? In Deutschland ist der Schüler »nicht begabt genug« und wird in die nächst tiefere Schulart hinwegbefördert.
Doch wenn das Nicht-Mitkommen tatsächlich nur an der »Begabung« liegen würde – dann würde doch aus PISA mit derselben Logik folgen, dass deutsche Schüler dümmer sind. Merkwürdigerweise scheint das aber niemand ernsthaft anzunehmen ...
Auf der anderen Seite hält sich trotz dieser aufwändigen Selektion der Leistungswille an den deutschen Schulen im Vergleich zu anderen Ländern eher in Grenzen. Gute Schüler werden als »Streber« verachtet – in den USA gelten sie als Stars. Disziplinmangel erschwert den Unterricht. Sind die früher so autoritären Deutschen »von einem Extrem ins andere gefallen« (Der Spiegel)? Auf jeden Fall ist die These ein für alle Mal widerlegt, dass möglichst homogene Gruppen besser lernen als solche mit unterschiedlichen Begabungen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Langeweile, die in homogenen Gruppen oft auftritt, ist kein Lernanreiz.

Das Schulklima ist entscheidend

Braucht man also nur die Gesamtschule überall einzuführen und das Problem ist gelöst? Es sieht nicht so aus. Denn die wenigen deutschen Gesamtschulen sind meist zu einer Art Rest- oder Problemschule geworden, die bei der PISA-Studie auch nicht besser abgeschnitten haben als der Durchschnitt. Auf der anderen Seite haben Österreich oder die Schweiz mit einem ebenfalls gegliederten Schulsystem zumindest besser abgeschnitten als Deutschland (siehe unten).
Oder soll man mehr Ganztagsschulen einführen? Auch das ist ein Weg, der zum Ziel führen kann – aber kein Allheilmittel. Wenn das Lernen wieder Freude machen soll, dann spielt die wichtigste Rolle offenbar: das Schulklima. Und in einer Ganztagsschule kann die Atmosphäre dazu gestaltet werden. Es kommt aber wohl weniger auf die Art der Schule an als auf das, was in ihr geschieht. »Ich habe das Gefühl, dass den Kindern die Neugier aberzogen wird«, sagt der Nobelpreisträger William Philipps. Kinder sind von Natur aus wissbegierig und zu lebenslangem Lernen motiviert. Es gibt auch in Deutschland zahlreiche Versuche, in Privatschulen oder staatlichen »Laborschulen« den Unterricht anders zu gestalten: Schüler-zentriert statt Lehrer-zentriert; Aktivierung der Ressourcen statt Belehrung heißen dort die Ziele. Gelernt wird z. B. in kleinen Gruppen, die sich austauschen; die Schüler ergreifen selbst die Initiative, der Lehrer gibt Unterstützung. Doch es dürfte Jahre dauern, bis solche Methoden überall angewendet werden können – denn man muss bei der Ausbildung der Lehrer beginnen. Und man muss es politisch zunächst einmal wollen.
In erfolgreichen Schulsystemen, etwa in Skandinavien, werden mit jedem Schüler individuelle Lernziele vereinbart, die er selbst mit kontrollieren kann. Ausländische Kinder müssen z. B. erst einmal die Landessprache lernen, ehe sie dem Unterricht folgen können - oder einige Zeit in ihrer Mutersprache unterrichtet werden. Die Lehrer bilden sich lebenslang fort. Schließlich haben auch die Schulen als solche mehr Freiraum, können z. B. selbst die konkrete Umsetzung der vorgegebenen Lernziele festlegen, ohne dabei an einen allzu starren Lehrplan gebunden zu sein, ohne durch eine übermächtige Schulbürokratie ständig reglementiert zu werden. Auch die Leistung der Lehrer wird anhand von nachvollziehbaren Kriterien bewertet; sie erhalten z. T. befristete Verträge. Denn weshalb soll von den Schülern ständig neue Leistung verlangt werden, während die Lehrer unkündbar sind?

Wie lernt man im Computerzeitalter?

Es wäre aber wenig hilfreich, andere Länder zu Bildungs-Paradiesen zu erklären, die man einfach nur zu kopieren braucht. Vielleicht zeigen die Ergebnisse von PISA, dass die Schulen aller Länder, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg, mit den »neuen Medien« um die Aufmerksamkeit der Kinder kämpfen. Welcher Unterricht kann es an Spannung mit einem Computerspiel aufnehmen? Wie kann man das Interesse der Kinder für Computer für den Unterricht nutzbar machen? Welchem Lehrer gelingt es, den »Abwehrschirm« zu durchdringen, den viele Kinder sich gegen die tägliche Reizüberflutung durch Fernsehen und Computer zugelegt haben? Umso wichtiger ist es, Kinder auch heute noch für das »altmodische« Lesen zu begeistern – denn nur dieses verschafft ihnen die Sprachkompetenz, die sie später brauchen. In diesem Punkt (und nicht nur in diesem) ist allerdings die Mithilfe und das Vorbild der Eltern gefragt.

Die Schule kann zwar kein Reparaturbetrieb sein für das, was im Elternhaus und in der Sozialpolitik einer Gesellschaft versäumt wird. Doch Schule kann und muss mehr sein als eine wertneutrale »Abfüllstation« für Bildungsinformationen. Vorsichtig beginnen auch Bildungsexperten wieder von einem »Erziehungsauftrag« der Schule zu sprechen. Wo soziales Lernen eingeübt wird – gegenseitige Hilfe, Gemeinschaftssinn, Gespräch, Konfliktlösung, Einfühlung –, dort fühlen sich Kinder wohl, dort lernen sie auch besser, dort entsteht ein innerer Magnet, der sie auch von Drogen oder der Flucht in mediale Scheinwelten abhalten kann. Hier sind die Lehrer gefragt: in wieweit sie Vorbilder sind, Persönlichkeiten, an denen man sich orientieren kann. In Finnland weiß man das – dort sind es die Besten eines Abiturjahrgangs, die sich – trotz eines nicht üppigen Gehalts - für das Lehrerstudium entscheiden. Schließlich sind es die Kinder, in deren Hände wir die Gestaltung der zukünftigen Erde legen. (Matthias Holzbauer)

Die PISA-Studie

Sind deutsche Schüler dümmer?

»PISA« bedeutet »Programme for International Student Assessment«, Programm zur internationalen Schüler-Bewertung, und ist eine Erhebung der OECD (Organization for Economic Cooperation and Development), die noch bis zum Jahr 2005 weiter laufen wird. Die Ergebnisse des ersten von drei Untersuchungsabschnitten wurden Ende 2001 veröffentlicht. Befragt wurden 180.000 Schüler aus 31 Ländern, etwa 5.000 davon aus Deutschland. Schwerpunkt des ersten Teils ist das Leseverständnis der Jugendlichen. Österreich belegte im internationalen Vergleich den 10., die Schweiz den 17. und Deutschland den 21. Platz. »Spitzenreiter« wurde Finnland vor Kanada und Neuseeland. Deutschland wies außerdem einen sehr großen Abstand zwischen guten und schlechten Schülern auf. Und: Die soziale Herkunft der Schüler bestimmt in Deutschland mehr als in anderen Ländern ihren schulischen Werdegang. 

 

Hätten Sie’s gewusst?

Eine PISA-Aufgabe

Du wirst beauftragt, einen Satz Münzen mit verschiedenen Durchmessern zu entwerfen. Der Durchmesser der Münzen sollte nicht kleiner als 15 mm und nicht größer als 45 mm sein. Ausgehend von einer Münze muss der Durchmesser der nächsten mindestens 30 Prozent größer sein. Die Prägemaschine kann nur Münzen herstellen, deren Durchmesser in Millimeter ganzzahlig ist. 

Aufgabe: Beginne mit einer 15-Millimeter-Münze. Dein Satz sollte so viele Münzen wie möglich enthalten.

Hier finden sie die Antwort


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 6/02

 


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