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Kommentar
Der 11. September als Waffe
gegen religiöse Minderheiten?
Vor kurzem veröffentlichte der Jugendsenator
von Berlin, Klaus Böger (SPD), einen neuen »Sektenbericht«.
Dies geschieht im Land Berlin im dreijährigen Turnus. Dieses Mal enthält der Bericht besonderen Zündstoff: Im Vorwort suggeriert der Senator dem Leser der amtlichen Broschüre allen Ernstes, dass der Terroranschlag des 11. September gezeigt habe, wie gefährlich »religiöse Randgruppen« generell seien, also auch jene Bewegungen, um die es in der Sektenbroschüre des Senats geht.
Bisher, so führt der Senator aus, habe man sich damit beruhigen können, dass Morde oder kollektive Suizide einen nicht treffen, da sie die Grenzen der Anhängerschaft einer sektiererischen Gruppe nicht überschritten hätten. Seit dem 11. September sei dies anders. Der Rand der Gesellschaft explodierte unerwartet in der Mitte. Sektiererische Gruppen und Grüppchen lebten weitgehend unbemerkt mitten unter uns. Der Schock des 11. September habe uns sensibilisiert für die Spannung von Religion und säkularer Gesellschaft.
Als Rechtsberater der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben wandte sich Rechtsanwalt Dr. Christian Sailer
deshalb an den Senator und den Regierenden Bürgermeister
Klaus Wowereit mit der Aufforderung, eine Broschüre mit diesem Vorwort sofort zurückzuziehen. Wörtlich schrieb Dr. Sailer an den Senator: »Um diese aggressive Indoktrination der Öffentlichkeit zu bewerkstelligen, ignorieren Sie zunächst all das, was der Deutsche Bundestag aufgrund einer mehrjährigen Enquete am 29. Juni 1998 festgestellt hat: Dass in Deutschland ‘die neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften keine Gefahr für Staat und Gesellschaft oder tragende gesellschaftliche Bereiche darstellen’.« Das Vorwort, an dem der Anwalt Anstoß nimmt, spannt einen Bogen von den »randständigen religiösen Sektierern« in New York über ungenannte »Fanatiker« zu »sektiererischen Gruppen« in Deutschland. Sailer rügt, dass die Senatsverwaltung alles in einen Topf geworfen habe – entgegen der Warnung des Deutschen Bundestags, der das Wort »Sekte« wegen seiner stigmatisierenden Wirkung für einen ungeeigneten Begriff hält, den man vor allem im staatlichen Bereich vermeiden sollte.
Sailer schreibt dem Senator sodann: »Sie tun genau das Gegenteil: Sie benutzen das Wort ‘Sektierer’ und ‘Sekten’ in ihrem pamphletartigen Vorwort bewusst als diskriminierendes Etikett, das sie immer wieder mit Terror-Assoziationen aufladen ... Der Beschluss des Abgeordnetenhauses, dem Sie mit solchen Worten nachkommen wollen, hat Ihnen nicht den Auftrag zu behördlicher Volksverhetzung erteilt ... Die ‘Sektenabteilung’ Ihres Hauses wurde längst zum verlängerten Arm der beiden Kirchen, deren Projektionen auf die religiöse Konkurrenz von der Berliner Senatsverwaltung seit Jahren wörtlich übernommen werden. Sind Sie als Weltanschauungsbeauftragter der Kirchen auf der Regierungsbank eines zur weltanschaulichen Neutralität verpflichteten Landes nicht auf dem falschen Platz? Wenn Sie sich als Senator für die gesamte Jugend Berlins zuständig fühlen - warum befassen Sie sich dann nicht auch mit der akuten Jugendgefährdung, die in Sakristeien und Pfarrhäusern stattfindet – von totalitärer Indoktrination über die Produktion von Sündenängsten bis hin zu Kinderschändung, um nur einige Beispiele zu nennen?«
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Ein
Holocaust-Überlebender warnt vor der Verfolgung religiöser
Minderheiten
Professor Ernö Lazarovits, ehemaliger Häftling des
Konzentrationslagers Mauthausen, Mitglied des ungarischen Zentralrats
der Juden, vielfach ausgezeichnetes Mitglied des Internationalen
Christlich-Jüdischen Rates, gab vor kurzem eine Aufsehen erregende
Stellungnahme zu einer Publikation ab, die die Oberösterreichische
Landesregierung im Verbund mit der Katholischen Kirche über religiöse
Minderheiten herausgebracht hat. Unter der Überschrift Auf der Suche
nach dem Sinn gefällt sich die Landesregierung in herabwürdigenden
Äußerungen gegenüber außerkirchlichen religiösen
Gemeinschaften.
Dies veranlasste Professor Lazarovits darauf hinzuweisen, dass er
aufgrund seiner leidvollen Erfahrung des Konzentrationslagers sensibel
und in Sorge für Menschen sei, die wegen ihrer religiösen Überzeugung
angefeindet werden. Wörtlich schreibt der international hoch angesehene
Jude: »Aus Erfahrungen kann ich sagen, dass es mit der Judenverfolgung
so begonnen hat, dass man uns zuerst schlecht gemacht hat, was im
weiteren den Vorwand lieferte, die wohl auch Ihnen bekannten nächsten
Schritte zu setzen. Heute werden Gedenkfeiern abgehalten und bei jeder
dieser Veranstaltungen wird beschworen: So etwas darf nie wieder
passieren! Dem kann man nur beipflichten, jedoch muss man besonders
‘den Anfängen wehren’.
Mit großer Beunruhigung muss ich daher feststellen, dass mit der, von
der Katholischen Kirche und dem Land Oberösterreich herausgegebenen
CD-ROM, mit dem Titel ‘Auf der Suche nach dem Sinn’, eine Behandlung
von Andersgläubigen praktiziert wird, die man im Ansatz als kollektives
Schlechtmachen bezeichnen kann, so wie man uns seinerzeit den
‘Judenstern’ umhängte. Damals waren es ‘nur’ die Juden, heute
sind es ‘nur’ die ‘Sekten’ – wo ist der Unterschied?« (siehe auch
ausführlicher in Der Theologe Nr. 4) |
Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 7/02
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