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Immunität für die USA? Die Weltmacht und das Weltgericht Die »einzige noch verbliebene Supermacht«, wie die Vereinigten Staaten gern apostrophiert werden, lässt die Muskeln wieder einmal kräftig spielen. Das ist seit der Bombardierung Jugoslawiens und dem Krieg in Afghanistan nichts Neues. Das weltweite Mitgefühl mit dem amerikanischen Schicksalsschlag des 11. September ließ die Kritik an völkerrechtlichen Fragwürdigkeiten des in Afghanistan begonnenen und als Fortsetzungsserie gedachten weltweiten Feldzugs verstummen. Die Europäer erklärten ihre »uneingeschränkte Solidarität« und gewöhnten sich an das kriegerische Vokabular des Texaners im Weißen Haus. Schließlich geht es dem Präsidenten um die Überwindung des Terrors, wo immer er auftritt, um den Kampf der Guten gegen die »Achse des Bösen«, auf der er gegenwärtig den Iran, den Irak und Nordkorea aufreiht. Der ehemals auch als Bibellehrer wirkende George W. Bush hat seine Mission: allen Schurkenstaaten dieser Welt die Waffen aus der Hand zu schlagen und auf dem Erdkreis für Recht und Ordnung zu sorgen. Ein Schock für Europa Vor solch weltumspannenden Machtansprüchen, gestützt auf
Atomraketen und Dollarnoten, verblassen selbst die Cäsaren des antiken Rom zu
Provinzfürsten. Die Legionäre des neuen Rom sind allgegenwärtig: Gestern am
Golf, heute in Mittelasien, morgen im Irak. Je mächtiger der moderne Weltkaiser
ist, umso wichtiger wird seine Moral – und die seiner Berater. Amerika erpresst UNO Das alles wollen die Freunde Amerikas verständlicherweise nicht
wahrhaben. Doch der nächste Schock wartete schon auf sie: Die USA weigerten
sich, in Zukunft an UN-Missionen mitzuwirken, wenn deren Teilnehmer nicht
Immunität erhalten. Etwaige Verbrechen bei UN-Missionen sollen in jedem Fall
straffrei bleiben. Will Washington mit seinem Vetorecht im Sicherheitsrat die
Friedensmissionen der Vereinten Nationen aushebeln - von Bosnien bis zum Kongo,
von Syrien bis nach Eritrea? In 15 Ländern sind die Vereinten Nationen derzeit
im Einsatz. Soll die Friedenssicherung dieser Welt in Zukunft nur mehr durch die
Supermacht selbst stattfinden, wann und wo sie es gerade für richtig hält? Warten bis zum Jüngsten Tag? Die Durchsetzung des Rechts gegen die Macht bedarf eines langen
Atems – das ist in der Geschichte der Menschheit nichts Neues. Die Etablierung
des Weltstrafgerichts durch die überwiegende Mehrheit der Staatengemeinschaft
bleibt trotz oder gerade wegen der amerikanischen Querschüsse ein historisches
Ereignis. Unabhängig von der ersten Gerichtsverhandlung, die noch länger auf
sich warten lassen wird, hat diese Institution vor allem symbolische Bedeutung
und eine beträchtliche Signalwirkung. Das Signal lautet: Mord und Folter
verlieren nicht dadurch den Charakter von Verbrechen, dass sie von Staatsmännern
angeordnet wurden. Die Moral der Macht weicht ein Stück weit der Macht der
Moral, wenn ein Weltgericht Kriegsverbrecher jeder Rangordnung bedroht. Leider
sind die strafrechtlichen Drohungen des Internationalen Gerichtshofs noch
unvollkommen: Die Definition des strafbaren Angriffskriegs blieb bei der Fassung
der Straftatbestände noch offen. Nach dem 11. September wird dies noch schwerer.
Vorbeugende militärische Angriffe wurden wieder salonfähig – durch eine
Überdehnung des Rechts auf Selbstverteidigung, das auch die UNO-Charta vorsieht.
Der deutsche Verteidigungsminister sprach jüngst ganz ungeniert davon, dass man
bei der Terrorbekämpfung auch Präventivschläge ins Auge fassen müsse. Auch so
großformatige wie den Schlag auf den Irak? |
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