Aktuelle Forschung

Touristen oder Jäger -
Wer stört die Gänse?

Wenn man Jägern vorwirft, sie schreckten durch ihre Schüsse das Wild auf und verursachten dadurch unter anderem eine erhöhte Nahrungsaufnahme, so entgegnen sie vielfach: Wir Jäger verhalten uns, wenn wir nicht gerade schießen, in der Natur sehr zurückhaltend. Aber die vielen Spaziergänger, Wanderer, Touristen, Jogger – die lassen das Wild nicht zur Ruhe kommen!

Der Vogelkundler Prof. Bergmann von der Universität Osnabrück ist dieser Frage »Wer stört eigentlich die Tiere?« gemeinsam mit seinen Mitarbeitern einmal nachgegangen, und zwar am Beispiel nordischer Wildgänse. Diese Tiere brüten im Sommer in der Tundra und Waldtundra Sibiriens. Im Oktober fliegen sie zum Überwintern in wärmere Gebiete: an die Nordseeküste oder in die großen Flusslandschaften an Rhein, Ems, Elbe und Weser. Wer darüber nicht erfreut ist, das sind in der Regel die Landwirte, denn die hungrigen Gänse landen nicht nur gerne auf Wiesen, sondern auch auf dem einen oder anderen Feld mit Wintergetreide oder Raps und nehmen dort ihre Mahlzeit ein. Und dann ertönt der Ruf nach dem Jäger, der doch, bitte schön, die lästigen Fresser beseitigen solle.
In der Tat ist die Jagd auf Wildgänse in den meisten Bundesländern erlaubt. Prof. Bergmann, der seine Thesen jüngst auf einem Symposium in Berlin durch einen Filmbeitrag vorstellte, hakt hier schon ein erstes Mal ein: Viele regen sich ja zurecht darüber auf, dass unsere mitteleuropäischen Nachtigallen oder Singdrosseln im Winterquartier in Italien, Frankreich oder Spanien abgeschossen werden. Doch bei uns schießt man die Wildgänse ab, die als Gäste zu uns ins Winterquartier kommen. Worin besteht der Unterschied?

Gejagt werden macht hungrig

Auch wenn die Jagd erlaubt ist: So einfach, wie manche Landwirte sich das vorstellen, ist das mit der Gänsejagd nicht. Die Jäger, so Bergmann, wollen »gar nicht so gern am Acker stehen und als Vollzugsgehilfen der Landwirtschaft jagen. Sie wollen es schön haben, möglichst im Naturschutzgebiet in ungestörter Stille ihrem Hobby nachgehen und die Gänse bequem abschießen, wenn sie auf dem Schlafgewässer einfliegen.«
Gänse sind intelligente und sehr soziale Tiere. Je mehr Schüsse krachen, desto vorsichtiger werden sie. Sie versuchen, sich in weniger bejagte Gebiete zurückzuziehen. Sie konzentrieren sich auf kleineren Flächen – auf denen sich dann die kahlen Stellen umso intensiver zeigen. Wer Gänse durch die Jagd vertreibt, handelt also nach dem »St.-Florians-Prinzip«: Ab zum Nachbarn! Oder ins Nachbarland ... Vorsichtigere Gänse fliegen schneller weg: Schon wenn sich ein Mensch von ferne nähert, fliegen sie auf. Die so genannte »Fluchtdistanz« wird größer. Prof. Bergmann und seine Mitarbeiter haben belegt: Wenn in einem Gebiet Schüsse fallen, steigt die Fluchtdistanz der Gänse erheblich an. Häufigere Flucht führt aber auch zu erhöhtem Nahrungsbedarf.
Und wie ist es nun mit den viel geschmähten Touristen, die angeblich den Gänsen das Leben so schwer machen? Auch in Gebieten mit zahlreichen Wanderern und Ausflüglern hat man die Fluchtdistanzen gemessen. Überraschendes und eindeutiges Ergebnis: Die Fluchtdistanzen vergrößerten sich nicht, sie verringerten sich sogar im Vergleich mit Gebieten, in denen weder Jäger noch Touristen vorkommen. Die intelligenten Gänse wissen also sehr wohl zu unterscheiden, wer ihnen gefährlich wird. Ein Schuss ist ein plötzliches, gewaltsames Geräusch (die Wissenschaft spricht von »Reizen«), das panikartige Reaktionen hervorruft. Die »Reize«, die von Touristen ausgehen, sind demgegenüber relativ gleich bleibend und vorhersehbar. Die Tiere gewöhnen sich schnell daran und werden zutraulicher. Bedingung ist, dass die Besucher sich an die Wege halten und nicht querfeldein gehen. Die Jagd erreicht also auch hier ihren – vorgeblichen – Zweck nicht: Die Tiere werden nicht nachhaltig vertrieben, sondern sie konzentrieren sich auf kleinere Flächen, die sie aber umso intensiver zur Nahrungssuche nutzen. Hinzu kommt, dass die wenigsten Jäger alte und junge oder geschützte und ungeschützte Vögel auseinander halten können. Das ist sogar für Vogelkundler nicht einfach. So werden Kinder ihrer Eltern beraubt, Eltern ihrer Kinder. Je weiter der Schütze entfernt steht, umso mehr Tiere werden durch die Schrotladung mit getroffen. An dem giftigen Blei verenden sie dann meist elend. Außerdem wird auch die Landschaft mit Blei vergiftet. Welchen Sinn hat also die Jagd? Ist es einmal mehr nur der »Lustgewinn« beim Anschleichen und Töten? Prof. Bergmann fordert aufgrund dieser Forschungen, die Jagd auf Wildgänse ersatzlos zu streichen. Die Landwirte könne man auf andere Weise entschädigen. »Nordische Gänse sind bei uns Gäste und sollten daher Gastrecht genießen«, so der Ornithologe. (Matthias Holzbauer)

Kommentar der Redaktion: Wenn die Wildgänse bei uns »Gastrecht« genießen sollen – um wie viel mehr müssten dann die bei uns einheimischen Wildtiere das Grundrecht der Unversehrtheit ihres eigenen Lebens und Lebensraumes haben, was inzwischen immer mehr Tierschützer fordern.

Siehe auch: http://www.abschaffung-der-jagd.de


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 11/02

 


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