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Der Strom des Urchristentums (Teil 7) - Die Bogumilen "Die wahre Kirche
Christi Sie verzichteten auf alle äußeren Rituale und Zeremonien, weil sie Gott in ihrem Inneren fanden. Die Bewegung der Bogumilen konnte sich fast ein halbes Jahrtausend auf dem Balkan halten. Als sie vernichtet wurde, hatte sie längst Samen ausgestreut ... Mönche der Kirche lebten in Saus und Braus »Wenn aber ein armer Wandersmann von weit
her kommt und die Türme des Fürstenhofes erblickt, so verwundert er sich ... und
stellt Fragen ... Wenn er aber den Fürstenhof betritt und sieht die hohen
Paläste und Kirchen, außen mit Stein, Holz und Farbe, innen mit Marmor und
Kupfer reich verziert, so weiß er nicht, womit er das alles vergleichen soll,
denn in seinem Lande hat er nie etwas anderes als strohgedeckte Hütten gesehen,
und der Arme beginnt den Verstand zu verlieren.«* Umwälzung lag in der Luft So nimmt es nicht wunder, wenn sich angesichts dieser Zustände unter der
geplagten Landbevölkerung »verschiedene ketzerische Lehren« breit machten. Der
orthodoxe Priester Kosma berichtet davon, natürlich in abfälliger Weise: »Es geschah, dass zur Herrschaftszeit des
rechtgläubigen Zaren Peter ein Pope namens Bogumil (deutsch: Gottesfreund) in
den bulgarischen Landen auftauchte, der besser Bogunemil (der nicht von Gott
Geliebte) genannt werden sollte. Er war der erste, der ketzerische Lehren in
bulgarischen Gebieten predigte.« Erfahrung statt Tradition Die Bogumilen pflegten auch keine
Rituale oder liturgischen Zeremonien. Sie wollten das christliche Leben nicht
auf Tradition, sondern auf spirituelle Erfahrung gründen. Sie trafen sich zu
einer feierlichen Tischgemeinschaft nach dem Vorbild des urchristlichen
»Liebesmahls«. Sie kannten keine Priesterhierarchie, sondern lediglich eine
Unterteilung ihrer Anhänger in »Vollkommene«, »Glaubende« und »Zuhörer«.
Letztere würde man heute als »Sympathisanten« bezeichnen; die »Glaubenden« waren
Vollmitglieder der bogumilischen Gemeinden. Die »Vollkommenen« zeichneten sich
durch eine enthaltsame Lebensweise aus, vor allem aber durch eine natürliche
Autorität, die allein auf ihrer inneren Entwicklung beruhte, auf dem »Maße des
inneren Lichtes, das er zum Leuchten gebracht hatte«.****
Zu einem »Vollkommenen« wurde man durch die »Geisttaufe« – das einzige
Sakrament, das die Bogumilen kannten. Ablehnung der teuflischen Inspirationen in der Bibel Die Bogumilen waren also, zumindest in ihrer Mehrzahl, keine
Anhänger eines »radikalen« (gnostischen) Dualismus, wonach seit Urzeiten die
Prinzipien Gut und Böse gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Sie vertraten
vielmehr einen »gemäßigten Dualismus«, wonach Gott der Ursprung allen Seins und
stärker als das Böse ist, das dereinst besiegt sein wird. Schlicht und klar statt katholisch oder orthodox Die Lehre und Lebensführung der Bogumilen war in ihrer Schlichtheit und Klarheit nicht nur eine Gefahr für die etablierten Kirchen, für die katholische ebenso wie die – seit 1054 von ihr getrennte – orthodoxe. Diese Bewegung bedrohte auch die feudale staatliche Ordnung, die damals noch auf Ausbeutung und Unterdrückung angelegt war: Sie entzog einer religiösen Anschauung, die Sklaverei und Leibeigenschaft, Reichtum und Ausbeutung rechtfertigte, den Boden. Und so kam es, wie es kommen musste: Während die Bogumilen jeglichen Glaubenszwang ablehnten und die Freiheit des menschlichen Willens betonten, brachten ihnen die kirchlichen und staatlichen Institutionen das Gegenteil davon entgegen: Die bogumilische Bewegung wurde im byzantinischen Reich, in Bulgarien, in Serbien immer wieder verketzert und grausam bekämpft. So ließ der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos (1018-1116) den bogumilischen Gemeindevorsteher Basileios an den byzantinischen Hof nach Konstantinopel (heute Istanbul) rufen, angeblich, um sein Anhänger zu werden. In Wirklichkeit ließ er das Gespräch von hinter einem Vorhang versteckten Lauschern mitschreiben und die angereiste Delegation der Bogumilen anschließend von einem Inquisitionsgericht verurteilen und verbrennen. Ausgestochene Augen und andere grausame Verfolgungen Bereits vor Alexios hatte sein Vorgänger Basileios II. (976-1025) dreißig Jahre
lang Krieg gegen den westbulgarischen Zaren Samuel geführt, der mit den
Bogumilen sympathisierte und ihnen Glaubensfreiheit gewährte. Nach der blutigen
Schlacht von Kljutsch (1014) nahm das byzantinische Heer des Basileios 14.000
bulgarische Soldaten gefangen. Auf Befehl des byzantinischen Kaisers wurden
allen Gefangenen die Augen ausgestochen – nur jedem Hundertsten wurde ein Auge
belassen, damit er die übrigen heimführen konnte. Diese grausame Verstümmelung
sollte offenbar eine Verhöhnung der bogumilischen Lehre des »inneren Lichtes«
sein. Als Zar Samuel seine Soldaten so herankommen sah, starb er gebrochenen
Herzens. Kaiser Basileios erhielt den Beinamen »Bulgaroktos«,
Bulgarenschlächter, worauf er auch noch stolz war. Bis heute erinnert ein
kleines Kloster am Vodoca-See (von »vadi oci«, Augen ausreißen) in der Nähe des
Schlachtfeldes im heutigen Mazedonien an dieses Verbrechen. Nachfahren wurden lieber Moslems als Katholiken Trotz aller Verfolgungen verbreitete sich die Lehre der »Gottesfreunde« jedoch weiter. Zeitweise fand sie für einige Jahrzehnte staatlichen Schutz – so zu Beginn des 11. Jahrhunderts im westbulgarischen Reich (dem heutigen Mazedonien) um den Ohrid-See, oder im 13. und 14. Jahrhundert in Bosnien. Dort bildete das Bogumilentum zeitweise sogar eine Art Staatsreligion. Doch auch deren Tage waren gezählt. Als die Türken nach der Schlacht gegen die Serben auf dem Amselfeld (1389) auf dem Balkan weiter vordrangen, verweigerten die katholischen Nachbarn den bosnischen »Ketzern« jegliche Hilfe – es sei denn, sie wären zum Katholizismus übergetreten. Dazu waren die Bosnier jedoch nicht bereit. Die Türken rotteten die bosnische Oberschicht weitgehend aus; die einfachen Bauern begaben sich notgedrungen unter türkische Oberhoheit und nahmen in der Folgezeit fast alle den muslimischen Glauben an. Ihre Nachfahren sind die heutigen bosnischen Muslime. Kirche kann Geist des Urchristentums nicht ausrotten Doch die Kirche ahnte selbst, dass der im Bogumilentum wieder auferstandene
Geist des Urchristentums nicht ausgelöscht werden kann. Papst Pius II. (1458-64)
musste feststellen, dass die Kirche kaum jemals einer Bewegung so heftig und mit
solch scharfen Mitteln entgegengetreten sei. Dennoch seien alle Anstrengungen
der Kirche gegen diese »schlechten Menschen«, die sich »gute Christen« nennen,
letztlich erfolglos geblieben. * Katja Papasov, »Christen oder
Ketzer – die Bogomilen«, Ogham-Verlag, Stuttgart 1983, S. 122 -
(Eine Anmerkung:
Die unterschiedliche Schreibweise »Bogumilen« oder »Bogomilen« ergibt sich aus
unterschiedlichen Möglichkeiten der Transkription aus der kyrillischen in die
lateinische Schrift: buchstabengetreu [o] oder aussprachegetreu [u].) [Zurück] Dieser Artikel
wurde auch in das Buch Verfolgte
Gottsucher von Matthias Holzbauer übernommen.
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