Lifestyle

Stress lass nach!

Stressgefühle zählen zu den wenig angenehmen Erfahrungen. Sie entstehen, wenn man sich vielen Anforderungen gleichzeitig ausgesetzt sieht oder wenn man sich einer Aufgabenstellung nicht gewachsen glaubt. Es hängt dementsprechend oft von der persönlichen Interpretation einer Situation ab, ob man diese als »stressig« erlebt oder nicht. Dabei ist das Phänomen »Stress« nicht nur eine lästige Zeiterscheinung, die man wegen ihrer weiten Verbreitung schon fast als »normal« bezeichnen kann, sondern bei langer Dauer ein gefährlicher Krankheitsauslöser. Die moderne Stressforschung wies in letzter Zeit viele stressbedingte Krankheiten nach, was manchen Schulmediziner ins Zweifeln bringen könnte, der nach wie vor zwischen seelischen und »rein organischen« Krankheitsursachen unterscheidet. Denn hinter mancher scheinbar »organischen« Krankheitsursache könnte sich Stress verbergen. Chronischer Stress jedenfalls macht nachweisbar und auf vielfältige Art krank. Doch wie wird man ihn los und bleibt gesünder?

Während ich im Büro gerade ein dienstliches Gespräch führe, klopft es an der Türe. Ich bitte den Besucher, sich noch kurz zu gedulden. Daraufhin klingelt das Telefon. »Einen Moment noch«, sage ich jetzt zu meinem Gesprächpartner im Zimmer und hebe den Hörer ab: Eine sehr eilige, dringende Angelegenheit, wie ich erfahre, und ich frage nach: »Bis wann muss es erledigt sein?« Ich schaue auf die Uhr und bekomme einen Schreck. Denn schon in einer Stunde stehe ich anderweitig Rede und Antwort und konnte mich darauf noch nicht vorbereiten. Eine Angelegenheit scheint die nächste zu jagen. Bleibe ich dennoch weiterhin ruhig, oder habe ich bereits angefangen, gereizt zu reagieren oder eben »gestresst«?

Eine Überlebensreaktion

Die medizinische Stressforschung hat herausgefunden, dass bei akutem Stress die gleichen Reaktionen im Körper ablaufen wie bei einer Angst- und Fluchtreaktion oder bei einem Kampf, z. B. ein vermehrter Ausstoß des Hormons Adrenalin, um sehr schnell die Leistungsfähigkeit einzelner Organe zu erhöhen. Man spricht von Anpassungsreaktionen des Körpers, um zu »überleben«. Doch was den einen in höchste Alarmbereitschaft versetzt, bringt einen anderen überhaupt nicht in Wallung.
Eine Joggerin im Wald, so war unlängst in einigen Zeitungen zu lesen, geriet beim Anblick einer Rotte Wildschweine so in Panik, dass sie sich auf den nächsten Hochsitz flüchtete und sich lange Zeit nicht mehr heruntertraute. Ein anderer Zeitgenosse jedoch blieb in einer ähnlichen Situation stehen und verhielt sich ruhig, damit sich die Tiere nicht provoziert oder angegriffen fühlen. Und so zogen diese dann friedlich vorbei. Eine ähnliche Situation – jedoch zwei unterschiedliche Reaktionen. Das heißt: Die Bewertung der Lage ist entscheidend dafür, wie jemand unmittelbar reagiert und ob er in diesem Fall z. B. hinterher gut gelaunt oder nur mit starkem Herzklopfen seinen Ausflug im Wald fortsetzen kann – als Ausdruck von Angst bzw. von innerem Dauerstress. Im Beispiel der Joggerin stellt der Körper Energien für die Flucht bereit, im Beispiel eines gestressten Büroangestellten werden Energien für die Bewältigung aller kurzfristig anstehenden Aufgaben mobilisiert. Doch es wird nicht nur vermehrt Adrenalin ausgeschüttet, um die körperliche Leistungsfähigkeit kurzfristig zu erhöhen. Auch der Mandelkern im limbischen System unseres Gehirns wird aktiviert, welches für unsere Gefühle verantwortlich ist. Das Großhirn, das demgegenüber unsere Gedanken produziert, schaltet sich erst später in den Vorgang ein. Deshalb haben die logischen Argumente aus unserem Großhirn häufig viel weniger Einfluss auf unser Verhalten als die Inhalte in unserem limbischen System. Dort wird nämlich eine Situation spontan als »angenehm« oder »weniger angenehm« bewertet, je nachdem, welche Erfahrungen der Mensch bis dahin gespeichert hat, z. B. – was das zweite Beispiel betrifft – in der Begegnung mit manchen Tieren.
In den letzten Jahren wurden vor allem die Funktionen des Mandelkerns im für die Gefühle verantwortlichen limbischen System des Gehirns eingehend erforscht, wobei sich zeigte, dass diese Hirnstruktur Emotionen sehr schnell speichert, aber nur langsam vergisst - im Gegensatz zum Großhirn, wo viele Informationen eher langsam gespeichert und schnell wieder vergessen werden. Für den Einzelnen interessant wird es nun, wenn negative Speicherungen in der Gefühlswelt unseres limbischen Systems immer wieder zu Stressauslösern wurden. Dann nämlich gefährden sie unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit (siehe dazu auch in der Druckausgabe: »Medizinische Hintergründe«).

Aufregung muss nicht sein

Dazu ein drittes Beispiel: An einer Warenhauskasse kommt es bei einer Verkäuferin häufig kurz vor Ladenschluss zu Pannen und gereizten Wortwechseln. Die Frau möchte pünktlich Schluss machen, und sie erlebt deshalb die Begegnung mit Kunden, die »auf den letzten Drücker« noch einkaufen wollen, als »stressig«. Eine zweite Verkäuferin stellt sich hingegen jeden Tag innerlich darauf ein, dass auch gegen Ende der Öffnungszeit noch einmal ein kleiner Kundenansturm kommen kann, und sie freut sich, wenn bis zuletzt etwas los ist. Dafür hat sie notfalls auch einige Minuten Arbeitszeit mehr eingeplant. Auch dieses Beispiel zeigt, dass die Stressempfindlichkeit von Menschen unterschiedlich ist und erheblich von dem Umgang mit der jeweiligen Situation abhängt. Was kann man also tun bzw. was kann man ändern?
Als »Erste Hilfe« gegen Stress könnte sich die erste Verkäuferin z. B. einmal überlegen, ob es wirklich so schlimm ist, wenn sie ein paar Minuten länger arbeitet. Oder steckt hinter dem Stressgefühl etwas, das mit der Arbeit gar nichts zu tun hat? Z. B. Erwartungen des Mannes oder der Kinder zu Hause, denen sie sich nicht gewachsen fühlt? Natürlich ist es leichter, einen Kunden, der aufgeregt im Kaufhaus umhereilt oder zu spät an die Kasse kommt, zu kritisieren oder schlecht über ihn zu denken. Doch möglicherweise spiegelt einem auch der Kunde nur, dass man selbst ähnliche Probleme hat.
Eine wichtige Rolle beim Abbau von Stress spielt darüber hinaus, ob man einer als »stressig« empfundenen Situation auch etwas Positives abgewinnen kann: z. B. dass man einem Mitmenschen mit seinem Tun eine Freude machen kann, auch wenn die Anforderung einen ganz schön auf Trab hält. Oder man empfindet den Druck der Aufgaben als Herausforderung, an der man sich messen und mit der man innerlich wachsen kann. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem »positiven Stress«, der keine negativen Auswirkungen auf Seele und Körper hat. Manch einer kann einer schwierigen Situation sogar mit Heiterkeit und Optimismus begegnen. Denn wie sagte schon der griechische Philosoph Epiktet (50-138 n. Chr.): »Nicht die Dinge beunruhigen den Menschen, sondern die Vorstellung von den Dingen.« Eine wichtige Hilfe gerade für den Umgang mit chronischem Stress kann auch der Satz sein: »Es gibt immer eine Lösung.« In diesem Satz spiegelt sich die Zuversicht und möglicherweise das Gottvertrauen, dass sich die Situation zum Positiven verändern lässt. Und für den, der seelisch und körperlich gesund bleiben will, ist eine solche Lösung auch notwendig. Spätestens seitdem die wissenschaftliche Stressforschung aufzeigen kann, was bei Stressgefühlen im Körper passiert, ist deutlich geworden, dass Stress oft am Beginn einer Krankheit steht und diese auslösen kann (siehe auch in der Druckausgabe: »Warum wir in Stress geraten«). Dies könnte übrigens auch für Depressionen gelten. Bei depressiven Menschen wurde nämlich sehr oft ein überhöhter Spiegel des Hormons Cortisol im Blut nachgewiesen. Und Stress, so ist ebenfalls bekannt, führt zu einer Erhöhung des Cortisolspiegels (siehe in der Druckausgabe: »Medizinische Hintergründe«). Ein Zusammenhang zwischen Stress und Depression ist also denkbar.

»Ruhe heilt«

Wenn man nun von stressbedingten Verstimmungen oder Krankheiten frei werden will, ist es hilfreich, zunächst einen gewissen Gegenpol zu dem Krankheitsauslöser zu bilden, also ein möglichst stressfreies Umfeld zu schaffen. In diesem Zusammenhang führte man im Jahr 2000 in der HG Naturklinik in Michelrieth in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Institut für Erfahrungsheilkunde eine Studie an 21 Patienten durch. Dabei wurde untersucht, inwieweit das Therapiekonzept »Ruhe heilt« einen Einfluss auf messbare Stoffwechsel-Parameter hat. Praktisch ging man so vor: Sowohl vor als auch nach den Entspannungswochen wurden die Konzentrationen der Aminosäuren im Blutserum bestimmt. Im Ergebnis stellte sich dann heraus, dass die Entspannung des Nervensystems erhebliche Stoffwechselwirkungen hatte im Sinne einer besseren Sauerstoffversorgung und Regenerierung der Energiereserven im Körper. Damit war gleichzeitig eine gute Voraussetzung für einen umfassenderen Genesungsprozess geschaffen. Und die Untersuchung konnte schließlich im August 2001 in der Fachzeitschrift Erfahrungsheilkunde publiziert werden.
Entscheidend dabei ist, wie jeder einzelne einen solchen Rahmen wie beim Therapiekonzept »Ruhe heilt« füllt. Denn Ruhe reicht natürlich nicht aus, sondern es kommt darauf an, die Chance zu nützen, die einem die Ruhe bietet, um manches in seinem Leben in Ordnung zu bringen. Eine solche Erfahrung lässt sich dann auch in das sonstige Lebensumfeld übertragen. So ist es ein wesentlicher Schritt hin zu einer inneren Lösung von Stresssituationen, dass wir auch im Alltag lernen, immer wieder für einige Momente innezuhalten und uns aus dem augenblicklichen Treiben zurückzuziehen. Wer darüber hinaus daran glaubt, dass Gott bzw. Christus in uns der innere Ratgeber und Helfer ist, der kann diese Augenblicke auch nutzen, diesen Ratgeber ganz konkret um Hilfe in der aktuellen Situation zu bitten. Dieses Gottvertrauen wird unter Umständen mit einem guten Gedanken belohnt, der einem dann in den Sinn kommt, oder einer Idee, was als Nächstes getan werden könnte oder müsste. Der Mensch wird dadurch souveräner, da er weiß, dass er sich Gott in jedem Augenblick zuwenden kann. Er erlebt dann auch mehr und mehr die Wahrheit des Satzes aus der Bergpredigt »Suchet, so werdet ihr finden.«
Diese Erfahrung mag jemand auch anders interpretieren. Z. B. dass ihm der »rettende Gedanke« selbst eingefallen ist. Im Ergebnis gilt in jedem Fall: Mit etwas Abstand zur Stress auslösenden Situation können wir möglichen Ursachen leichter auf den Grund kommen. Wir ertappen uns z. B. im Rückblick dabei, wie wir uns am Beginn des Tages gehen ließen bzw. wie wir uns in unwesentlichen Tätigkeiten verloren haben. Wesentliches staute sich dadurch auf. Oder wir waren immer wieder mit den Empfindungen und Gedanken woanders, so dass wir Aufgaben des Tages nur mangelhaft erledigten und uns deshalb gestresst fühlen. Dieses Hinterfragen ist wichtig. Denn ein richtig analysiertes Problem ist erfahrungsgemäß schon halb gelöst.

Wesentliches voranstellen

Stress entsteht oftmals durch schlechte Planung. Gute Planer erleben demgegenüber immer wieder, dass es besser läuft. Durch eine gute Planung setzt man sich schon im Vorfeld mit einem bestimmten Thema auseinander. Man stellt z. B. Wesentliches voran und man kann auch manchen Stolperstein schon im Vorfeld erkennen und aus dem Weg räumen. Und diese Planungs-Energie kommt dann wieder positiv zu uns zurück, indem wir dann z. B. genau zur rechten Zeit die richtigen Leute treffen, und vieles dann sogar noch schneller von der Hand gehen kann als eingeplant.
Stress in unserem Leben kann man also auf vielfältige Art und Weise in den Griff bekommen. Er kann aber auch zu einer Plage anwachsen, die uns krank macht und sogar aus der Bahn werfen kann, wenn wir nicht bereit sind, die Botschaft in dieser Lebenssituation anzuschauen und etwas in unserem Leben zu ändern. In jedem Fall gilt: Gott will für jeden von uns das Beste, und Er möchte uns aus jeder Situation heraushelfen, damit wir zu glücklichen und zufriedenen Menschen werden, die auch anderen beistehen können, ebenfalls glücklicher und zufriedener zu werden. (hgk / dp)
 

Siehe dazu auch unseren Artikel:
Stressbewältigung im Alltag
, Das Weisse Pferd Nr. 11/1999,
http://ww3.das-weisse-pferd.com/99_11/stress.html


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 6/03


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