|
Religion - ein
übersehener HeilfaktorWelcher Glaube macht gesund?
Der
Einfluss von Überzeugungen
auf die
seelische und körperliche Gesundheit
Die Wirkung religiöser Überzeugungen auf die seelische
und körperliche Gesundheit ist von Medizin und Psychologie lange Zeit vernachlässigt
worden. Dass bestimmte Formen kirchlichen Glaubens für neurotische oder gar psychotische
Zustandsbilder mitverantwortlich sein können, ist bekannt. Neuere Untersuchungen, meist
aus den USA, belegen nun, dass sich Glaube und Spiritualität günstig auf Gesundheit und
Heilung auswirken.
Die Ergebnisse dieser Studien besagen in etwa: Wer an einen
liebenden Gott oder an eine gute Macht glaubt, bewältigt Konflikte, Krisen und
Stress
leichter. Er ist weniger anfällig für psychosomatische Krankheiten, entwickelt mehr
Vertrauen in den Heilungsprozess und fördert ihn durch Aktivierung der
Selbstheilungskräfte. Er pflegt einen gesünderen Lebensstil und kann Sterben und Tod
besser annehmen.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der amerikanische Arzt
Herbert Benson. In 30jähriger ärztlicher Praxis und durch Auswertung einer Vielzahl
empirischer Untersuchungen konnte er nachweisen, dass die persönliche religiöse
Überzeugung und der Glaube an die Gesundung nachweisbare Effekte haben. In seinem Buch:
Heilung durch Glauben - Selbstheilung in der Medizin schreibt er:
"Der Glaube an eine medizinische Heilungsmethode ist
der beste Garant für den therapeutischen Erfolg, aber der Glaube an eine unbesiegbare und
allwissende Macht trägt eine noch größere Heilkraft in sich."
Auch der Psychologie-Professor Kenneth Pargament ging der
Frage nach, welche Auswirkung religiöser Glaube auf die Gesundheit habe. Er untersuchte
eine große Zahl religiöser Menschen und kam zu dem Schluss, dass es vom Typus der
Religion abhängt, ob der Glaube sich positiv oder eher negativ auf die Gesundheit
auswirkt (Psychologie Heute Nr. 6/97).
Menschen, die Angst haben, von einem strengen Gott bestraft
zu werden bis hin zur Verdammung in einer ewigen Hölle, neigen mehr zu seelischen
Störungen als Nichtreligiöse. Der Glaube an einen liebenden, gütigen Gott und ein
entsprechendes Klima in der Glaubensgemeinschaft wirken sich hingegen auf das seelische
und körperliche Wohlbefinden positiv aus.
In seinem Buch Heilung durch Glauben geht Benson vom sog. Placebo-Effekt aus. Unter Placebo (wörtlich "ich werde
wohl tun") versteht man in der medizinischen Forschung ein Leerpräparat.
Soll beispielsweise die Wirkung eines Medikaments
untersucht werden, so erhält die eine Gruppe von Versuchspersonen das wirkliche
Medikament, die andere lediglich ein äußerlich gleich aussehendes. Auf diese Weise will
man Erwartungseffekte bei den Versuchspersonen kontrollieren. Was in der Forschung als
Störvariable angesehen wird, machte Benson nun zum Forschungsgegenstand: Die
Überzeugung, den Glauben, die Heilungserwartung, die der Patient mit der jeweiligen
Behandlung verbindet.
Placebo- und Nocebo-Effekt
Ein Beispiel, das Benson gibt: "Eine Studie am Cook
County Hospital in Chicago ergab 1975, dass 30 Prozent der Patienten mit
Gelenkrheumatismus von Placebos profitierten. Die Linderung ihrer Beschwerden hielt für
mindestens drei Monate an. Dieses Ergebnis wurde durch eine 1995 in Annals of Internal
Medicine veröffentlichte Studie bestätigt. 40 Prozent der Patienten erlebten einen
mindestens fünfzigprozentigen Rückgang der Gelenkschwellungen." Bensons
Schluss:
"Die Einstellung eines Menschen kann beträchtliche Heilkräfte in ihm
mobilisieren."
Ist die Einstellung negativ, sind also Angst und Zweifel
wirksam, dann kann es zu einem Nocebo-Effekt (nocebo = ich werde schaden) kommen. Benson
nennt als Beispiel den Voodoo-Tod. "Medizinmänner bei den australischen Ureinwohnern
sind dafür bekannt, dass sie mit einem Knochen auf jemanden zeigen und den
Betroffenen damit verwünschen. Durch dieses Ritual gerät das Opfer angeblich in eine
derartige geistige Verwirrung, dass Krankheit und Tod die Folge sind." Es sei
"eine fatale Macht der Einbildung, die die Betroffenen in Angst und Schrecken
versetze."
"Erinnertes Wohlbefinden" und
"Entspannungsreaktion"
Überzeugung und Zweifel, Zuversicht und Angst können also
unsere Gesundheit beeinflussen. Benson entwickelte eine Methode, um diesen Zusammenhang
für die Heilung zu nutzen. Sie besteht aus "erinnertem Wohlbefinden" und der
"Entspannungsreaktion". "Erinnertes Wohlbefinden" ist nichts anderes
als die Nutzung des Placebo-Effektes.
Der Patient soll sich positive Sätze zusprechen, die aus
seiner Kindheit oder aus seinem Leben stammen, z. B.: "Ich schaffe es; ich bin ganz ruhig;
ich werde gesund und stark; ich gebe stets mein Bestes; Dein Wille geschehe".
Darüber hinaus soll der Patient täglich zweimal eine Entspannungsübung nach eigener Wahl
machen, 10 bis 20 Minuten lang. Günstig sei es, die positiven Sätze nach der Aktivierung
der Entspannungsreaktion anzuwenden.
Der Glaubensfaktor
Benson berichtet nun, dass 80 % seiner Patienten als Wort
oder Satz ein Gebet wählten, z. B. "Der Herr ist mein Hirte" oder "Sei
getröstet, meine Seele". 25 % berichteten, dass sie sich bei dieser Übung
"spiritueller" fühlten. Benson fand heraus, dass die Entspannungsreaktion und
das erinnerte Wohlbefinden am stärksten bei solchen Personen wirkte, die an Gott oder an
eine ewige, das Leben transzendierende Kraft glauben.
Personen, die über erhöhte Spiritualität als Folge ihrer
Entspannungsübung berichteten, beschrieben zwei Aspekte dieser Erfahrung: zum einen die
Anwesenheit einer transzendenten Kraft und zum anderen ein Gefühl der Nähe zu eben
dieser Macht. Diejenigen, die diese Anwesenheit spürten, erzielten die größten
gesundheitlichen Verbesserungen. Benson vermutet, dass diese Kraft den
Selbstheilungskräften zugeschrieben werden kann.
Sein Resümee: Religiosität fördert in der Regel einen
gesunden Lebenswandel und geht durchweg mit einer besseren Gesundheit einher.
Benson scheint so begeistert von seiner Idee zu sein,
dass
er die negativen Folgen einer "autoritären" Religion überhaupt nicht in
Betracht zieht. Zwar stellt auch er fest: "Die Geschichte ist mit dem Blut von
Religionskriegen getränkt. Gegen alle gesundheitlichen Vorzüge, die wir dem Glauben
zuschreiben, könnte man anführen, dass der Glaube an Gott so oft als Rechtfertigung für
Barbarei und Völkermord diente." Er zitiert Karen Armstrong, die der Ansicht ist,
"dass unsere übermäßige Vermenschlichung Gottes ... dafür verantwortlich"
sei.
Das ist richtig: Der "grausame" Gott ist eine
Schöpfung des Menschen, der sich einen Gott schuf nach seinem Bilde. Es ist der
autoritäre Gott, dem sich der sündige Mensch willkürlich ausgeliefert fühlt. Benson
lässt jedoch aufgrund seiner (positiven) Forschungsergebnisse diesen Aspekt beiseite.
Begriffe wie "Gottesvergiftung" oder "ekklesiogene Neurose" kommen bei
ihm nicht vor. Auch Strafe, Rache, ewige Verdammnis oder Hölle nicht.
"Gehe hin und sündige
fortan nicht mehr"
Um die Heilkraft des Glaubens zu belegen, bezieht sich
Benson auch auf Jesus von Nazareth. Er zitiert das Wort Jesu an die Frau, die zwölf Jahre
unter Blutfluss litt und allein dadurch, dass sie den Saum Seines Mantels berührte,
geheilt wurde: "Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Gehe hin in
Frieden." Zu dem Aussätzigen, der geheilt worden war, habe Jesus gesagt:
"Steh auf und gehe hin; dein Glaube hat dir geholfen."

Krankheit ist ein seelisch-körperliches
Geschehen - und auch Gesundheit hängt mit unserer inneren Einstellung zusammen.
So scheint die Bibel die Position Bensons bezüglich der
Heilkraft des Glaubens zu bestätigen. Doch Jesus hat nicht nur auf den Glauben, sondern
zugleich auf die Notwendigkeit der Verwirklichung hingewiesen: "Nicht jeder, der zu
Mir sagt Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern der, der den
Willen Meines Vaters tut" (Mt 7, 21).
Und weiter: "Wer diese Meine Worte hört und sie tut,
gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute" (Mt 8, 24). An anderer
Stelle wird der Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde deutlich. Nach der Heilung
eines Mannes, der schon achtunddreißig Jahre an seiner Krankheit litt, sagte Jesus zu
diesem: "Du bist nun gesund geworden - sündige fortan nicht mehr, damit dir nicht
etwas Ärgeres widerfahre" (Joh 5, 13).
Nur der aktive Glaube behebt
die Ursachen
Nicht nur Benson, sondern auch andere Psychologen kennen
offensichtlich den Tatglauben, die Verwirklichung der Glaubensgebote, nicht. Sie wissen
nicht, dass nur das Tun, d. h. der aktive Glaube, auf dem Weg über die Bereinigung unserer
Fehlhaltungen zu Heilung und Gesundheit führen kann.
So resümiert z. B. H. Ernst in Psychologie Heute:
"Die Zwischenbilanz der neueren Forschung über Religiosität und Gesundheit
lässt
sich so zusammenfassen: Die wohltuende Wirkung beruht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der
Kombination von sozialer Unterstützung, Lebenssinn, dem Gefühl, mit einer höheren Macht
verbunden zu sein und Stress reduzierenden Gebets- und Meditationspraktiken".
Die Bejahung des Positiven in sich selbst, tägliche
Entspannungsübungen und Meditation sowie der Glaube an eine höhere Macht sind sicher
wichtige Aspekte der Heilung. "Gehe hin und sündige fortan nicht mehr, damit dir
nichts Ärgeres widerfahre" besagt jedoch auch: Es geht nicht nur um das
Wieder-Erringen körperlicher Gesundheit.
Denn: Die Krankheit enthält eine Information, wie ich mein
Leben ändern sollte, um gesund zu bleiben oder nicht noch kränker zu werden. Für
Christen heißt dies, das eigene Leben auf Gott ausrichten und Seine Gebote im Alltag mehr
und mehr halten. Denn Heilung und Gesundheit haben mit einer fundamentalen Ordnung im
Inneren des Menschen zu tun, die der erringt, der die Zehn Gebote und die Lehren der
Bergpredigt erfüllt.
Diese enthält auch das Gebot: Liebe Gott, deinen Herrn,
über alles und deinen Nächsten wie dich selbst. Jeder kann sich fragen: Welche Änderung
in meinem Leben verlangt dieses Gebot von mir?
Autoritäre oder humanistische
Religion
In seinem Buch Psychoanalyse und Religion
unterscheidet Erich Fromm zwischen autoritärer und humanistischer Religion. Die
autoritäre Religion verlangt nach Fromm die Anerkennung einer unsichtbaren höheren
Macht, die über das Schicksal des Menschen bestimmt. Sie erhebt Anspruch auf Gehorsam,
Verehrung und Anbetung.
In der humanistischen Religion ist Gott das Bild des
höheren Selbst im Menschen. Aufgabe und Ziel des Gläubigen ist die Verwirklichung dieses
höheren Selbst. Der Sünde wird mit Liebe und Verständnis begegnet statt mit Zorn,
Verachtung und Selbsthass. Fromm zählt auch die Mystik dazu. Nicht Furcht und
Unterwerfung, sondern Liebe und Bejahung der eigenen Kräfte sind die Grundlage der
mystischen Erfahrung. Als Beispiele für humanistische Religionen nennt er
Frühbuddhismus, Taoismus, die Lehren Jesajas, Sokrates, Spinozas und Jesus von Nazareth.
|