Wem nützt der Größenwahn?
Wirtschaft
im Fusionsrausch
Die
"Mega-Fusion" zwischen den Automobilkonzernen Daimler-Benz und Chrysler (USA)
war die "größte Fusion der Industriegeschichte"
(Die Woche)
- und die
vorläufig letzte in einer langen Kette.
Die "Multis"
im Anmarsch
Eine "Elefantenhochzeit" jagt die andere. Wer
denkt da nicht an die europäischen Fürstenhäuser, die durch Heiratspolitik und
Eroberungszüge über alle Volks- und Landesgrenzen hinweg ihre Macht auf ganze Kontinente
ausdehnten? Historiker sprechen tatsächlich von einer Wiederkehr des Mittelalters.
Internationale Konzerne nehmen heute die Rolle der Feudalherren ein, die in vielen
Ländern Gefolgsleute und Leibeigene hatten und bestrebt waren, ihre Macht ständig
auszudehnen.
Soeben ist mit Daimler-Chrysler das drittgrößte Industrieunternehmen der
Welt entstanden mit 421.000 Beschäftigten und zuletzt 12,5 Milliarden Mark Gewinn. Solch
Schwindel erregende Nachrichten sind allerdings kurzlebig in einer Zeit, in der "das
große Fressen" (Stern) längst begonnen hat. Vor wenigen Wochen, im April,
war der größte Finanzkonzern der Welt Tagesgespräch - gebildet aus der amerikanischen
Citibank mit der Versicherungsholding Travelers Group. Im Februar staunten wir über den
größten Pharmakonzern der Welt, eine Fusion zweier britischer Unternehmen. Im Dezember
97 beherrschte die United Bank of Switzerland die Schlagzeilen, die Fusion zweier
Schweizer Banken, nun die zweitgrößte Bank der Welt, "im profitablen Geschäft mit
vermögenden Privatkunden", so Der Spiegel, allerdings "die Nummer eins
auf dem Globus."
Bei solchen Größenordnungen verblassen nationale Fusionen wie die der
Bayerischen Vereinsbank und der Hypobank zur immerhin zweitgrößten deutschen Bank (um
nicht von der Deutschen Bank geschluckt zu werden) oder diejenige von Krupp und
Thyssen (mit Zeitverzögerung und auf Raten, weil zu früh bekannt geworden) zu eher
unbedeutenden Alltagsereignissen. Wen wird es morgen treffen? Wie lange kann sich Volvo
halten oder Fiat? "Plötzlich gibt es nur noch zwei Arten von Unternehmen:
Übernahme-Kandidaten und Übernehmer", schreibt der Rheinische Merkur.
Kaum zu fassen
Ähnlich wie im Mittelalter haben die Nationalstaaten gegenüber den
"neuen Feudalherren", den internationalen Konzernen, heute kaum noch etwas zu
sagen. Die internationalen Firmen - damals Habsburg oder Bourbon, heute General Motors,
Novartis oder Cargill - sind durch nationale Gesetze oder Steuern kaum zu fassen. Sie
melden ihre Hauptsitze in den Staaten mit den niedrigsten Steuersätzen an und verlagern
die Produktion in die Länder mit den niedrigsten Löhnen und den wenigsten
Umweltauflagen.
"Was gut ist für Daimler, ist gut für ... Daimler!" schreibt Die
Zeit. Eben nicht unbedingt für Deutschland, wo der Konzern, wie andere
Großunternehmen auch, seit Jahren immer weniger Steuern zahlt. Die hundert größten
multinationalen Konzerne beschäftigen über acht Millionen Menschen und machen mehr
Umsatz als der gesamte Welthandel ausmacht. Der Umsatz der zehn größten Multis beträgt
1350 Milliarden Mark - das ist fast doppelt soviel wie das Bruttosozialprodukt ganz
Afrikas.
Voraussetzung für das globale Wirken der neuen Feudalherren ist der freie
Welthandel, der ohne Zweifel vieles erleichtert. Doch er hat auch seine Schattenseiten -
vor allem für die industriell schwächeren Länder. "Die gleiche Freiheit für Fuchs
und Huhn im Hühnerstall hat für beide sehr ungleiche Folgen", sagt Richard Gerster,
Kritiker eines ungehemmten Welthandels aus der Schweiz. Seit 1995 verhandeln Vertreter der
29 wirtschaftlich wichtigsten Nationen in Paris über ein
"Investitionsabkommen", "MAI" genannt ("Multilateral Agreement on
Investment"). Über diese Verhandlungen wird zumindest im deutschsprachigen Raum kaum
berichtet. Offenbar soll es darum gehen, den international agierenden Unternehmen jegliche
noch verbleibenden Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ein Land, das dieses Abkommen
unterschreibt, darf etwa nicht mehr festlegen, dass ein bestimmter Teil einer Investition
auf dem heimischen Markt gekauft werden muss. Von Umweltschutz redet ohnehin niemand mehr.
Nachdem doch einiges von diesen Plänen an die Öffentlichkeit drang und zu Protesten
führte, wurde MAI nicht, wie geplant, im Mai zum Abschluss gebracht, sondern auf Eis
gelegt - bis zum Herbst.
Auf wenig Kritik stieß hingegen die Fusion von Daimler und Chrysler.
Politiker aller Parteien und sogar Gewerkschaftler zeigten sich erfreut. Daimler-Chef
Schrempp war es immerhin gelungen, Deutschland zum Hauptsitz der neuen Firma zu machen und
dadurch die deutsche Form der Mitbestimmung durch die Arbeitnehmer beizubehalten. Doch was
wird es ihnen wirklich nützen? Schrempp versprach zwar, keine Arbeitsplätze abzubauen,
sondern im Gegenteil neue zu schaffen. Doch wird er dieses Versprechen halten können?
Bisher sind fast alle Fusionen mit einem Abbau an Arbeitsplätzen einher gegangen. Die
Diskrepanz der Einkommen zwischen Arbeitern und Managern wird bei Daimler jedenfalls noch
größer werden: Zwei Jahre lang verzichteten die Daimler-Arbeiter auf ein Prozent
Lohnerhöhung, damit die A-Klasse in Deutschland und nicht in Frankreich gebaut werden
kann. Ihre Manager machen sich jetzt Gedanken, wie stark sie ihre Einkommen an
amerikanische Verhältnisse anpassen sollen. Zum Vergleich: Schrempp verdient laut Spiegel
etwa 3,74 Millionen Mark im Jahr, der Chrysler-Boss Eaton jedoch 19,77 Millionen.
"Kapitalismus pervers" nennt das Der Spiegel.
"Profit,
Profit, Profit"
Nach amerikanischem Vorbild verfügen auch deutsche Manager längst über
Pakete an Vorzugsaktien der eigenen Marke, wodurch sich ihr Einkommen bei Kurssprüngen
automatisch weiter erhöht. Dennoch würde man wohl zu kurz denken, schriebe man die
Fusionswellen der letzten Monate allein der "Sucht nach Größe" (Der Spiegel)
der Manager zu. Denn die Jäger nach neuen Erfolgen und "Schnäppchen" auf dem
weltweiten Unternehmensmarkt sind oft selber Gejagte. Ihnen sitzen die Aktienbesitzer im
Nacken, die nur bei der Stange bleiben, wenn eine bestimmte Rendite erzielt wird. Diesen
Druck geben die "Bosse" dann an das Unternehmen weiter. "Mit zwölf Prozent
Rendite geben sich US-Investoren nicht zufrieden", sagt der amerikanische
Finanzexperte John Lawson. Schrempp liegt also voll im Trend, wenn er seine Mitarbeiter
anfeuert: "Für mich zählt vor allem eines: Profit, Profit, Profit."
Um ihre Geldgeber mit Zins und Zinseszins zu bedienen, stehen die
Unternehmen unter Wachstumszwang. In einem sich allmählich sättigenden Markt ist mit
neuen Arbeitsplätzen eine ausreichende Rendite nur unter hohem Risiko zu erwirtschaften.
"Wegen der unzureichenden Rentabilität kaufen darum die liquiden Unternehmen lieber
andere Firmen auf, als neue Arbeitsplätze zu schaffen", schreibt der
Wirtschaftsexperte Helmut Creutz in seinem Buch Das Geld-Syndrom.
Das
Ziel: Asien
Der Konzentrationsprozess ist auf dem Automarkt deshalb so stark, weil die
Herstellung von Automobilen besonders kapitalintensiv ist und weil hier enorme
Überkapazitäten von fast 30 Prozent existieren. Lediglich in Asien ist mittelfristig
noch ein größeres Verkaufspotential zu erwarten. Wahrscheinlich ist dies auch der
eigentliche Hintergrund für die Allianz Daimler-Chrysler: Kapital sammeln im
"atlantischen Schulterschluss" (Facts), um damit den asiatischen Markt zu
erobern. Nicht umsonst verhandelt Mercedes gleichzeitig mit Nissan-Diesel in Japan, nicht
umsonst hat im fernen Osten nach der Schwächung durch die Asien-Krise längst ein
"Ausverkauf im Reich der Tiger" (Der Spiegel) begonnen: Der koreanische
Autobauer Daewoo fusioniert mit General Motors, der ebenfalls koreanische Konzern Kia mit
Fiat, um nur zwei zu nennen.
"Wachstum" durch Fressen und Gefressen werden - wie lange kann
das gut gehen? Ist Fusionieren ein Zeichen der Stärke - oder der Schwäche? "Weil
man stark ist, wirft man sich einem andern an den Hals. Was im persönlichen Verkehr nicht
ganz logisch ist, das soll im Reich der Firmen aufgehen?" fragt die Weltwoche.
Erhalten zwei Luftballons mehr Auftrieb, wenn man sie aneinander bindet? Oder besteht
nicht die Gefahr, dass der schwerere den leichteren mit hinunter zieht? In der Tat gehen
statistisch gesehen zwei Drittel aller Fusionen schief - meist gelingt es nicht, die
unterschiedlichen Mentalitäten zweier Unternehmen oder gar mehrerer Völker unter einen
Hut zu bringen. |
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