Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 11/98

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Wem nützt der Größenwahn?

Wirtschaft
im Fusionsrausch

Die "Mega-Fusion" zwischen den Automobilkonzernen Daimler-Benz und Chrysler (USA) war die "größte Fusion der Industriegeschichte" (Die Woche) - und die vorläufig letzte in einer langen Kette.

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Die "Multis" im Anmarsch

Eine "Elefantenhochzeit" jagt die andere. Wer denkt da nicht an die europäischen Fürstenhäuser, die durch Heiratspolitik und Eroberungszüge über alle Volks- und Landesgrenzen hinweg ihre Macht auf ganze Kontinente ausdehnten? Historiker sprechen tatsächlich von einer Wiederkehr des Mittelalters. Internationale Konzerne nehmen heute die Rolle der Feudalherren ein, die in vielen Ländern Gefolgsleute und Leibeigene hatten und bestrebt waren, ihre Macht ständig auszudehnen.

Soeben ist mit Daimler-Chrysler das drittgrößte Industrieunternehmen der Welt entstanden mit 421.000 Beschäftigten und zuletzt 12,5 Milliarden Mark Gewinn. Solch Schwindel erregende Nachrichten sind allerdings kurzlebig in einer Zeit, in der "das große Fressen" (Stern) längst begonnen hat. Vor wenigen Wochen, im April, war der größte Finanzkonzern der Welt Tagesgespräch - gebildet aus der amerikanischen Citibank mit der Versicherungsholding Travelers Group. Im Februar staunten wir über den größten Pharmakonzern der Welt, eine Fusion zweier britischer Unternehmen. Im Dezember 97 beherrschte die United Bank of Switzerland die Schlagzeilen, die Fusion zweier Schweizer Banken, nun die zweitgrößte Bank der Welt, "im profitablen Geschäft mit vermögenden Privatkunden", so Der Spiegel, allerdings "die Nummer eins auf dem Globus."

Bei solchen Größenordnungen verblassen nationale Fusionen wie die der Bayerischen Vereinsbank und der Hypobank zur immerhin zweitgrößten deutschen Bank (um nicht von der Deutschen Bank geschluckt zu werden) oder diejenige von Krupp und Thyssen (mit Zeitverzögerung und auf Raten, weil zu früh bekannt geworden) zu eher unbedeutenden Alltagsereignissen. Wen wird es morgen treffen? Wie lange kann sich Volvo halten oder Fiat? "Plötzlich gibt es nur noch zwei Arten von Unternehmen: Übernahme-Kandidaten und Übernehmer", schreibt der Rheinische Merkur.

Kaum zu fassen

Ähnlich wie im Mittelalter haben die Nationalstaaten gegenüber den "neuen Feudalherren", den internationalen Konzernen, heute kaum noch etwas zu sagen. Die internationalen Firmen - damals Habsburg oder Bourbon, heute General Motors, Novartis oder Cargill - sind durch nationale Gesetze oder Steuern kaum zu fassen. Sie melden ihre Hauptsitze in den Staaten mit den niedrigsten Steuersätzen an und verlagern die Produktion in die Länder mit den niedrigsten Löhnen und den wenigsten Umweltauflagen.

"Was gut ist für Daimler, ist gut für ... Daimler!" schreibt Die Zeit. Eben nicht unbedingt für Deutschland, wo der Konzern, wie andere Großunternehmen auch, seit Jahren immer weniger Steuern zahlt. Die hundert größten multinationalen Konzerne beschäftigen über acht Millionen Menschen und machen mehr Umsatz als der gesamte Welthandel ausmacht. Der Umsatz der zehn größten Multis beträgt 1350 Milliarden Mark - das ist fast doppelt soviel wie das Bruttosozialprodukt ganz Afrikas.

Voraussetzung für das globale Wirken der neuen Feudalherren ist der freie Welthandel, der ohne Zweifel vieles erleichtert. Doch er hat auch seine Schattenseiten - vor allem für die industriell schwächeren Länder. "Die gleiche Freiheit für Fuchs und Huhn im Hühnerstall hat für beide sehr ungleiche Folgen", sagt Richard Gerster, Kritiker eines ungehemmten Welthandels aus der Schweiz. Seit 1995 verhandeln Vertreter der 29 wirtschaftlich wichtigsten Nationen in Paris über ein "Investitionsabkommen", "MAI" genannt ("Multilateral Agreement on Investment"). Über diese Verhandlungen wird zumindest im deutschsprachigen Raum kaum berichtet. Offenbar soll es darum gehen, den international agierenden Unternehmen jegliche noch verbleibenden Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ein Land, das dieses Abkommen unterschreibt, darf etwa nicht mehr festlegen, dass ein bestimmter Teil einer Investition auf dem heimischen Markt gekauft werden muss. Von Umweltschutz redet ohnehin niemand mehr. Nachdem doch einiges von diesen Plänen an die Öffentlichkeit drang und zu Protesten führte, wurde MAI nicht, wie geplant, im Mai zum Abschluss gebracht, sondern auf Eis gelegt - bis zum Herbst.

Auf wenig Kritik stieß hingegen die Fusion von Daimler und Chrysler. Politiker aller Parteien und sogar Gewerkschaftler zeigten sich erfreut. Daimler-Chef Schrempp war es immerhin gelungen, Deutschland zum Hauptsitz der neuen Firma zu machen und dadurch die deutsche Form der Mitbestimmung durch die Arbeitnehmer beizubehalten. Doch was wird es ihnen wirklich nützen? Schrempp versprach zwar, keine Arbeitsplätze abzubauen, sondern im Gegenteil neue zu schaffen. Doch wird er dieses Versprechen halten können? Bisher sind fast alle Fusionen mit einem Abbau an Arbeitsplätzen einher gegangen. Die Diskrepanz der Einkommen zwischen Arbeitern und Managern wird bei Daimler jedenfalls noch größer werden: Zwei Jahre lang verzichteten die Daimler-Arbeiter auf ein Prozent Lohnerhöhung, damit die A-Klasse in Deutschland und nicht in Frankreich gebaut werden kann. Ihre Manager machen sich jetzt Gedanken, wie stark sie ihre Einkommen an amerikanische Verhältnisse anpassen sollen. Zum Vergleich: Schrempp verdient laut Spiegel etwa 3,74 Millionen Mark im Jahr, der Chrysler-Boss Eaton jedoch 19,77 Millionen. "Kapitalismus pervers" nennt das Der Spiegel.

"Profit, Profit, Profit"

Nach amerikanischem Vorbild verfügen auch deutsche Manager längst über Pakete an Vorzugsaktien der eigenen Marke, wodurch sich ihr Einkommen bei Kurssprüngen automatisch weiter erhöht. Dennoch würde man wohl zu kurz denken, schriebe man die Fusionswellen der letzten Monate allein der "Sucht nach Größe" (Der Spiegel) der Manager zu. Denn die Jäger nach neuen Erfolgen und "Schnäppchen" auf dem weltweiten Unternehmensmarkt sind oft selber Gejagte. Ihnen sitzen die Aktienbesitzer im Nacken, die nur bei der Stange bleiben, wenn eine bestimmte Rendite erzielt wird. Diesen Druck geben die "Bosse" dann an das Unternehmen weiter. "Mit zwölf Prozent Rendite geben sich US-Investoren nicht zufrieden", sagt der amerikanische Finanzexperte John Lawson. Schrempp liegt also voll im Trend, wenn er seine Mitarbeiter anfeuert: "Für mich zählt vor allem eines: Profit, Profit, Profit."

Um ihre Geldgeber mit Zins und Zinseszins zu bedienen, stehen die Unternehmen unter Wachstumszwang. In einem sich allmählich sättigenden Markt ist mit neuen Arbeitsplätzen eine ausreichende Rendite nur unter hohem Risiko zu erwirtschaften. "Wegen der unzureichenden Rentabilität kaufen darum die liquiden Unternehmen lieber andere Firmen auf, als neue Arbeitsplätze zu schaffen", schreibt der Wirtschaftsexperte Helmut Creutz in seinem Buch Das Geld-Syndrom.

Das Ziel: Asien

Der Konzentrationsprozess ist auf dem Automarkt deshalb so stark, weil die Herstellung von Automobilen besonders kapitalintensiv ist und weil hier enorme Überkapazitäten von fast 30 Prozent existieren. Lediglich in Asien ist mittelfristig noch ein größeres Verkaufspotential zu erwarten. Wahrscheinlich ist dies auch der eigentliche Hintergrund für die Allianz Daimler-Chrysler: Kapital sammeln im "atlantischen Schulterschluss" (Facts), um damit den asiatischen Markt zu erobern. Nicht umsonst verhandelt Mercedes gleichzeitig mit Nissan-Diesel in Japan, nicht umsonst hat im fernen Osten nach der Schwächung durch die Asien-Krise längst ein "Ausverkauf im Reich der Tiger" (Der Spiegel) begonnen: Der koreanische Autobauer Daewoo fusioniert mit General Motors, der ebenfalls koreanische Konzern Kia mit Fiat, um nur zwei zu nennen.

"Wachstum" durch Fressen und Gefressen werden - wie lange kann das gut gehen? Ist Fusionieren ein Zeichen der Stärke - oder der Schwäche? "Weil man stark ist, wirft man sich einem andern an den Hals. Was im persönlichen Verkehr nicht ganz logisch ist, das soll im Reich der Firmen aufgehen?" fragt die Weltwoche. Erhalten zwei Luftballons mehr Auftrieb, wenn man sie aneinander bindet? Oder besteht nicht die Gefahr, dass der schwerere den leichteren mit hinunter zieht? In der Tat gehen statistisch gesehen zwei Drittel aller Fusionen schief - meist gelingt es nicht, die unterschiedlichen Mentalitäten zweier Unternehmen oder gar mehrerer Völker unter einen Hut zu bringen.

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Doch auch wenn es gut geht - wie geht es dann weiter? Irgendwann ist auch der asiatische Markt erobert, die Zahl der Autohersteller wird wohl von heute 18 auf 8 oder 10 zurückgegangen sein - 1960 waren es noch 42 gewesen. Die Erde ist begrenzt - doch die Renditeerwartungen der Aktienbesitzer sind es nicht. Der Zinseszins wächst exponentiell - doch die Natur kennt nur natürliches Wachstum. Alles andere ist krankhaft. Der menschliche Körper z. B. wächst in den ersten Lebensjahren sehr stark, das äußere Wachstum kommt mit etwa 20 Jahren zum Stillstand - der Mensch kann innerlich weiter wachsen. (Matthias Holzbauer)


 



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