Vom Glauben an die Technik und vom Glauben an
Gott
Schicksalsfahrt im
InterCity
Unfälle und Katastrophen,
die Menschenleben kosten, sind uns vertraut. Doch einige gehen uns mehr unter die Haut als
andere: Wenn wöchentlich z. B. auf Deutschlands Straßen ca. 200 Menschen bei
Verkehrsunfällen sterben, registrieren wir das kaum mehr; aber wenn 101 Menschen bei einem
Eisenbahnunglück zu Tode kommen, überwältigen uns Fassungslosigkeit und Entsetzen über
das furchtbare Geschehen.
An den Blutzoll auf den Autobahnen
und dessen schreckliche Bilder haben wir uns offensichtlich gewöhnt. Der Massentod im
"sicheren" InterCity trifft uns hingegen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der
Tod schlug völlig unerwartet und besonders grausam zu. Dabei sind die Bilder eines
abgestürzten Jumbo Jets nicht weniger schlimm als die Bilder aus Eschede. Aber an die
Katastrophen der Luftfahrt haben wir uns eben auch schon gewöhnt.
In der Hochtechnologie sucht der Mensch
Sicherheit - doch er
findet sie nur in Gott
Vielleicht kommt noch etwas anderes
hinzu: Die Reisenden des Unglückszugs verbindet eine geheimnisvolle
Schicksalsgemeinschaft. Wer in München, Würzburg oder Hannover in bestimmte Waggons des
eleganten und Geborgenheit vermittelnden Zuges einstieg, tat einen Schritt in den Tod, der
ihn mit 100 seiner Mitreisenden auf schreckliche Weise verbindet. Es bedurfte wahrhaft
vieler "Zufälle", um dieses Zusammentreffen und die Dramatik des weiteren
Ablaufs zustande zu bringen. Der Bruch des Radreifens ausgerechnet vor einer Brücke ist
zwar das spektakulärste Glied in der Ursachenkette, die zum Tod von 95 Menschen führte;
aber deren Terminkalender war nicht weniger ursächlich. Sie fuhren eben gerade an diesem
Tag zu einem Geschäftstermin in Hannover oder zu einem Urlaub an der Nordsee. Andere
wollten mit demselben Zug fahren und mussten die Reise verschieben. Was ist eigentlich
Ärgernis erregender: Wenn hinter all dem blinder Zufall waltet oder wenn es doch
Zusammenhänge gäbe, die wir bloß nicht sehen?
Bei der Hauptursache, dem Bruch des Waggonrads, wollen wir uns ja auch
nicht mit dem Begriff Zufall begnügen. War es Materialermüdung, schlechte Verarbeitung
oder unzulängliche Überprüfung? So oder ähnlich lauten die Fragen, mit denen man die
technischen Details zu Tage fördern will. Doch die Erfahrungen des
naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters zeigen, dass dessen Risiken niemals völlig
zu beherrschen sind - vom Haarriss eines Reaktorsicherheitsbehälters über den vereisten
Flügel eines Hochleistungsjets bis hin zu einem ordinären Radbruch, den es auch schon im
Postkutschenzeitalter gab, aber eben mit weit weniger dramatischen Folgen. Wer den
Gedanken ausspricht, dass die moderne Technik den Menschen längst überfordert, wird von
fortschrittsgläubigen Zeitgenossen als Hinterwäldler verspottet. Ein Rad, eine der
geistreichsten Erfindungen der Menschheit, wurde in Eschede zum Symbol dieser Entfremdung
zwischen dem Menschen und der von ihm entwickelten Technologie.
Grenzenlose Mobilität?
Vermutlich liegt hier eine noch
tiefer gehende Unordnung zugrunde. Ist es wirklich selbstverständlich, dass die Mobilität
des Menschen immer grenzenloser wird, dass er immer schneller immer weiter entfernte Ziele
erreicht, wozu er wiederum immer mehr Energie verbraucht (ein InterCity verfügt über
13.000 PS!), die er wiederum mit einer immer komplizierteren und immer risikoreicheren
Technik produziert? Tschernobyl und Harrisburgh, Sandoz und Seveso sind Synonyme für die
Selbstüberforderung unserer Zivilisation - neben den Ortsnamen unzähliger
Flugzeugkatastrophen. Wir schwelgen in unseren Errungenschaften und wiegen uns in
Sicherheit, während wir am Abgrund wandeln. Insofern wundert es nicht, dass der Untergang
der Titanic am Anfang des Jahrhunderts an dessen Ende zum Faszinosum wird. Das
"unsinkbare Schiff" war das Symbol des Glaubens an die Sicherheit der modernen
Technik; und es wurde zum Fanal für deren Unsicherheit. Der Supergau des Schienenverkehrs
trifft uns psychologisch an derselben Stelle. Steckt hinter dem Geschwindigkeitsrausch und
der Jagd nach immer neuen Fortschritten, die uns eine unmenschliche Maschinenmedizin und
neben der Atomspaltung die nicht weniger gefährliche Genmanipulation bescherte, nicht
letztlich purer Größenwahn, den man als Fortschritt feiert?
Dieser Wahn scheint eine Ureigenschaft des Menschen zu sein. War er es
nicht auch, der den "Sündenfall" einleitete, der sich freilich nicht im
"Paradies" abspielte, sondern in der geistigen Welt? Ursprünglich reine Wesen
wollten sein wie Gott, verschatteten dadurch ihr göttliches Sein und leiteten das
Fallgeschehen ein, das schließlich zur Verdichtung bis hin zur Materie führte. An die
Stelle der Energiepotentiale der geistigen Welt trat eine an die Materie gebundene
Energiegewinnung. Ihre grobstofflich-technischen Errungenschaften bleiben im Vergleich zu
den feinstofflich-geistigen Energiequellen ein steinzeitliches Unterfangen, das inzwischen
dabei ist, die Ökosphäre der Erde zu zerstören.
Blinde
Zufälle?
Wer soviel Unordnung anrichtet,
trägt diese Unordnung auch in seiner Seele. Wir alle sind dafür verantwortlich, denn
jeder hat seinen Beitrag dazu geleistet - im Äußeren wie im Inneren. Letzteres
verdrängen wir gerne: Auch Gedanken sind Energie; noch mehr unsere Worte; erst recht
unsere Taten und die Gesinnung, mit der wir sie vollführen. Wenn wir an Gott glauben,
dann können wir Ihm nicht unterstellen, dass Er für die Unordnung, für die Katastrophen
und Unglücksfälle, die sich auf dieser Erde ereignen, verantwortlich ist. Seine
Naturgesetze sind bekanntlich von bestechender Einfachheit und Harmonie. Gott ist der
Schöpfer des Kosmos und nicht des Chaos. Die Frage, warum es immer wieder soviel Unglück
und Katastrophen auf der Erde gibt, trifft deshalb nicht Ihn, sondern uns. Jesus von
Nazareth lehrte uns das Gesetz von Saat und Ernte, das wir in der Physik als das Gesetz
von Ursache und Wirkung ohne weiteres anerkennen. Warum weigern wir uns, es auch in
moralisch-geistiger Hinsicht zu akzeptieren - sowohl für unsere Zivilisation insgesamt
als auch für das Leben des Einzelnen? So gesehen sind wir nicht der Spielball blinden
Zufalls oder die Opfer eines zürnenden Gottes, sondern die Schmiede unseres eigenen
Schicksals, das an unsichtbaren Fäden hängt, die wir selbst gesponnen haben.
Lässt
uns Gott im Stich?
So gesehen mag es auch kein Zufall
sein, wer in einen entgleisenden Zug oder ein abstürzendes Flugzeug steigt. Niemand
weiß, welchen Stellenwert der sich entwickelnde "Schicksalsschlag" für die
Seele des Betroffenen hat, ob es um die Abtragung einer alten Seelenschuld geht oder
vielleicht um den Wendepunkt auf einem über Inkarnationen währenden Leidensweg. Wer nur
den zerfetzten Leib eines Verunglückten sieht, blickt wohl zu kurz. Das soll weder das
Entsetzen und die Trauer über solche Katastrophen verringern, noch gar das unsägliche
Leid der hiervon Betroffenen verharmlosen. Aber die Frage "Warum lässt Gott das
zu?", die bei solchen Gelegenheiten so gern gestellt wird (merkwürdigerweise vor
allem von Pastoren), ist dann falsch gestellt, wenn damit unterschwellig Gott die Schuld
zugeschoben wird. Es geht nicht darum, dass uns Gott etwas antut, sondern darum, was wir
uns selbst antun, welche Wege und Irrwege wir in diesem oder früheren Leben gingen.
Vielleicht war die Seele des Toten, den wir beklagen, seinem Herrgott schon wieder sehr
nahe, vielleicht war sie gerade dabei, sich von ihm zu entfernen. |
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