Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 15/98

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Evangelisch-katholische Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Sie sträuben sich gegen das Gesetz von Saat und Ernte

Die Lehre des Jesus von Nazareth ist einfach und genial. Was die Kirchen daraus machten, ist kompliziert und steht im Widerspruch zu Jesus. Jüngstes Beispiel: Die so genannte Gemeinsame Erklärung beider Großkirchen zur Rechtfertigungslehre 1997. Sie bestreitet erneut die Geltung des Gesetzes von Saat und Ernte, das Jesus lehrte.

80 Pfarrer und Priester aus dem Raum Celle debattierten gerade über diese Erklärung, als wenige Kilometer entfernt der Intercity "Wilhelm Röntgen" entgleiste.

Blinde Blindenführer

Die Theologen eilten zur Unfallstelle. "Wir bekennen gemeinsam, dass der Sünder durch den Glauben an das Heilshandeln Gottes in Christus gerechtfertigt wird" - Die zentrale, von den Theologen beider Kirchen befürwortete Botschaft der Erklärung, wirkt wie ein Fremdkörper angesichts des Leids und der 101 Toten des Unglücks. Die nachfolgenden Predigten sprachen von einem "unerforschlichen Geheimnis Gottes" oder boten den Trauernden mit dem Hinweis auf den Klageruf von Jesus am Kreuz auch an, "Gott anklagen" zu können (Bischof Hermann von Loewenich). Was könnten die Konsequenzen davon sein? Wäre nicht der nächste Schritt, sich von diesem Gott zu lösen und nichts mehr mit ihm zu tun haben zu wollen?

Auch von den Theologen, die später mit Sturzhelm und speziellen Jacken (mit Aufschrift "Pastor") über die Trümmer des verunglückten Zuges stiegen, wurde nichts bekannt, was über den Inhalt der Predigten hinausging. Jesus von Nazareth sprach über die Theologen Seiner Zeit: "Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer! Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube."

Nach 25jähriger Arbeit sollte die vom Lutherischen Weltbund und dem "Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen" verfasste "Gemeinsame Erklärung" von beiden Seiten 1997 feierlich unterzeichnet werden - in Deutschland ausgerechnet am 31. Oktober, dem so genannten Reformationstag.

"Quadratur des Kreises"

Nachdem 160 evangelische Theologieprofessoren Widerspruch einlegten und zur "Schadenbegrenzung" aufforderten, veröffentlichte nun der Vatikan eine vieldeutige Erklärung, die "als klares Ja, aber auch als klares Nein" verstanden werden könne (Stuttgarter Zeitung, 1.7.1998).

Während die evangelischen Gelehrten die Aufnahme ihrer Bedenken in einer Zusatzerklärung forderten, mahnt Rom "weitere Studien" an. Zu einem großen Teil auf Staatskosten (hohe kirchliche Würdenträger und Professoren werden vom Staat bezahlt) wurde seit den 70iger Jahren in zahllosen Konferenzen, Tagungen, Forschungssitzungen und Besprechungen ein Text ausgefeilt, der z. B. von der Zeit als "Quadratur des Kreises" bezeichnet wurde (2.7.1998).

Unter dem Stichwort "Differenzierter Konsens" haben sich beide Großkirchen bemüht, ihre eigene Lehre beizubehalten, aber nicht mehr von Trennungen und Lehrverurteilungen zu sprechen, sondern von differenzierten Betrachtungsweisen. Die unterschiedlichen evangelischen und katholischen Aussagen sind im Text hintereinander gestellt. "versöhnte Verschiedenheit" sei die Alternative zur "geschönten Geschiedenheit", sagte der evangelische Oberkirchenrat Bezzel aus Ansbach.

In solcher erklärten "versöhnten Verschiedenheit" haben die Kirchen versucht, im Vorfeld zunehmender weltweiter Katastrophen eine gemeinsame geistige Weiche zu stellen: Sinngemäß lautet sie: Es gibt für das Leid oft keine Ursachen und keine Heilmittel. Der Glaube und die Sakramente der Kirche helfen dem Gläubigen aber, wenigstens im Jenseits als Geschenk Gottes in den Himmel zu kommen.

Letztlich läuft der Kompromiss, vereinfacht gesprochen, auf eine Zustimmung des Vatikans zur lutherischen Kernlehre hinaus. Der anscheinend an dieser Stelle unumstrittene Originaltext des Dokuments: "Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken." Gott nimmt aber alle Seine Kinder an, auch ohne einen Glauben an eine kirchlich definierte Heilstat Christi. Doch der Einheit mit Gott geht die Einheit mit unseren Nächsten voraus, mit denen ich mich zuvor versöhne. So lehrte es Jesus. Dafür muss jemand etwas "tun" - im Diesseits oder Jenseits.

Das "Tun" betonte bislang auch die katholische Lehre. Der Streit, ob stattdessen der Glaube und die Gnade allein zum Heil genügen, hatte immerhin die abendländische Kirche gespalten und war verantwortlich für den 30jährigen Krieg mit Hunderttausenden von Toten und einem verwüsteten Land. 1997 wird in der "Gemeinsamen Erklärung" nun die katholische Position akrobatisch den lutherischen Formulierungen angepasst. Die Anpassung Roms erklären sich viele damit, dass die evangelischen Kirchen im Gegenzug in absehbarer Zeit die Oberhoheit des Papstes anerkennen könnten. Nun hat aber anscheinend der erbitterte Widerstand der evangelischen Professoren und anderer lutherischer Fundamentalisten gegen das Kompromisspapier die katholische Kirche gedemütigt: Wenn schon so viele verantwortliche Lutheraner dagegen sind, könne Rom dann noch zustimmen, ohne sein römisch-katholisches Gesicht zu verlieren? Habe der Lutherische Weltbund - der der Erklärung bereits zustimmte - überhaupt genügend Autorität in der evangelischen Welt, so die Anfrage aus Rom?

Und besteht überhaupt eine Chance, so könnte jemand aus dem Vatikan weiterfragen, auf eine baldige evangelische Zustimmung zum Papstamt? So vermeidet es Rom weiter, die Evangelischen überhaupt als "Kirchen" anzuerkennen. Stattdessen ist von "Gemeinschaften" die Rede.

Vor dem Jahr 2000

Das entstandene ökumenische Chaos trifft beide Großkirchen mitten in ihrer intensiven Vorbereitung auf die Jahreswende von 1999 auf 2000. In diesem Zusammenhang gibt es einen weiterer Grund für die grundsätzliche katholische Bereitschaft, gegenüber lutherischen Lehren einzulenken. Im Jahr 2000 plant der Papst nämlich eine Entschuldigung für die Verbrechen der katholischen Kirche, womit diese einen Schlussstrich unter ihre blutige Vergangenheit ziehen will. Die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" könnte der Kirche helfen, diesen Schritt geistig vorzubereiten und zu begründen. Denn die Kirchen und jeder kirchlich Gläubige dürfen sich gemäß der Erklärung des Heils geschenkweise gewiss sein, ganz gleich, wie viel Verbrechen von ihnen zu verantworten sind und ob diese alle bereinigt sind.

Vor dem blutigen Hintergrund beider Kirchen ist es verständlich, dass sich die Verantwortungsträger weiterhin sträuben, die Wirksamkeit des Gesetzes von Saat und Ernte, das Jesus von Nazareth lehrte, einzugestehen. Demnach ist ein "Schlussstrich" erst bei echter Reue möglich und nachdem auch jedes Opfer dem Täter verziehen hat.

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Jesus von Nazareth brachte den Menschen die große Liebe Gottes nahe. So bekommt jeder durch die Hilfe Gottes immer wieder Gelegenheit, sein Sündhaftes zu erkennen, zu bereuen und zu bereinigen und somit den Weg zurück zu Gott zu finden, der immer über den Nächsten geht. Auch ein Schicksalsschlag ist nicht das Ende des Weges, sondern eine Etappe auf dem Weg, bis jemand - eventuell über mehrere Inkarnationen - den Weg der Selbsterkenntnis und Bereinigung zurück zum Herzen Gottes findet und nicht mehr auf die blinden Blindenführer hört. (Dieter Potzel)

Siehe auch:
"Der Theologe Nr. 35" - Gefährliche Rechtfertigungslehre. Allein der Glaube führt in den Abgrund.


 



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