Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 15/98

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Religionswissenschaftler entkräften Vorurteile

Schluss mit der Abstemplung von Minderheiten als "Sekten!"

Eine Nachlese zur Bundestags-Enquetekommission

Die Gesellschaft braucht Kreativität und Innovation, also Erneuerung. Wer religiöse Minderheiten bekämpft, fördert kulturelle und religiöse Konformität, also Anpassung, und verhindert damit die Entstehung veränderter Werte und Lebensstile, die die Gesellschaft dringend benötigt. Dies ist eine der Kernaussagen des Religionswissenschaftlers Prof. Hubert Seiwert aus Leipzig in dem vor kurzem erschienenen Buch "Schluss mit den Sekten!"

Das Aufkommen neuer Religionen sei "ein Symptom für einen kulturellen Suchprozess nach neuen Wegen, wo sich die alten erkennbar in einer Krise befinden. ... Die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft nimmt in dem Maße zu, in dem für Minderheiten Spielräume bestehen, mit Alternativen zu experimentieren, von denen einige sich vielleicht bewähren ... Denn die historische Erfahrung lehrt, dass die kulturelle Gestaltungskraft von Religionen einzigartig ist."

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Auf Betreiben der Kirchen befasste sich der
deutsche Bundestag mit religiösen Minderheiten.

In demselben Buch räumt sein Kollege Massimo Introvigne aus Turin mit dem Märchen auf, in den so genannten "Sekten" gebe es so etwas wie "Gehirnwäsche", das heißt, die neu geworbenen Mitglieder könnten gegen ihren Willen in die Gruppierung hineinmanipuliert werden. Dies sei wissenschaftlich längst widerlegt und diese Widerlegung sei bei amerikanischen Gerichten auch aktenkundig. Dennoch werde das Märchen immer noch verbreitet.

Den beiden Wissenschaftlern und zahlreichen ihrer Kollegen wurde wiederholt vorgeworfen, sie "verharmlosten" das "Problem" der "Sekten". Die beiden betonen jedoch, dass sie in verschiedenen neueren Glaubensgemeinschaften durchaus auch Negatives sehen - aber das gebe es eben überall und nicht in besonderem Maße bei religiösen Minderheiten. Weshalb werden diese, die in keinem westlichen Land mehr als ein Prozent der Bevölkerung stellen (Introvigne), dann von bestimmten Kreisen immer wieder zum "Problem" erklärt?

Genau dieser Frage geht Hubert Seiwert in dem erwähnten Buch nach. Er stellt zunächst klar, dass religiöse Vielfalt keineswegs ein spezielles Phänomen unserer Tage ist. Im 19. Jahrhundert wurden in Europa heute "etablierte" Religionsgemeinschaften wie die Methodisten, die Baptisten oder die Heilsarmee von den großen Kirchen als "Sekten" bekämpft - und zwar mit den fast den genau gleichen Argumenten, die heute wieder, nur diesmal gegen andere Gruppen, vorgebracht werden: Sie würden Menschen vereinnahmen und manipulieren usw. "Die heutige Sektendiskussion steht also in einer historischen Kontinuität", schreibt Seiwert. Er sieht darin einen Rückgriff auf das mittelalterliche Ideal einer weltanschaulich homogenen Gesellschaft. Als Grund dafür nennt er "latente religiöse und weltanschauliche Spannungen, die auf Verunsicherungen angesichts kaum noch steuerbarer ökonomischer und sozialer Wandlungsprozesse verweisen. Ohne Zweifel ist das Auftreten neuer Religionen Teil der neuen Unübersichtlichkeit und möglicherweise fühlen sich dadurch in besonderer Weise solche Zeitgenossen provoziert, deren Gewissheiten durch die gesellschaftlichen Veränderungen massiv in Frage gestellt wurden."

In einer Gesellschaft, in der Konkurrenz eine wichtige Rolle spielt, "Konkurrenz um gesellschaftliche Anerkennung, wirtschaftliche Ressourcen und ideologischen Einfluss", können mächtige Gruppierungen wie die Großkirchen weltanschauliche Konflikte vom Zaun brechen, auch wenn "die öffentliche und politische Bedeutung, die der vermeintlichen Bedrohung durch ‘Sekten’ beigemessen wird, in keinem vernünftigen Verhältnis zu der quantitativen und qualitativen Dimension des Problems steht."

Fragwürdige "Exoten"

Die politische Meinungsbildung, so Seiwert, stütze sich "nahezu ausschließlich auf die Informationen und Interpretationen von Experten, die auch nach ihrem eigenen Selbstverständnis nicht um wissenschaftliche Objektivität bemühte Forschung betreiben, sondern sich der Auseinandersetzung mit und teilweise auch der Bekämpfung von Sekten widmen." So gelang es beispielsweise in Deutschland, 1996 eine Enquetekommission des Bundestages zum Thema "So genannte Sekten und Psychogruppen" einzurichten.

Der Bundestag entschied sich dabei für dieses Thema und nicht für das gleichzeitig zur Auswahl stehende Thema "Zukunft der Arbeit" - eine Bestätigung für Seiwerts These von der "Verunsicherung", der man, so könnte man ergänzen, mit der Suche nach dem Sündenbock begegnet, statt die eigentlich wichtigen Probleme anzupacken.

Es ist jedoch gefährlich, durch unsachliche Kampagnen Emotionen zu wecken. Seiwert warnt: "Die historische Erfahrung lehrt, dass es mitunter schwer ist, die Emotionen zu kontrollieren, die durch religiöse oder ideologische Konflikte geweckt werden. Wo Emotionen aufwallen, werden leicht Kräfte freigesetzt, deren Eigendynamik sich jeder rationalen Kontrolle entzieht. ... Dies kann denen nicht gleichgültig sein, die davon überzeugt sind, dass der Verzicht auf rationale Politik eine größere Gefahr für einen freiheitlichen Rechtsstaat darstellt als einige Zehntausend Bürger, deren religiöse Überzeugungen der Mehrheit unverständlich und absurd erscheinen." Es sei beunruhigend, wenn in der Gesellschaft Gruppen durch den abwertenden Begriff "Sekte" ausgegrenzt werden - Gruppen, denen man vorwirft, sich ihrerseits auszugrenzen.

"Keine generelle Schädlichkeit"

Immerhin gelangte Seiwert, neben zahlreichen "Experten" der Kirchen, auf Vorschlag der Grünen in die erwähnte Bundestagskommission. Und diese gab einige Gutachten in Auftrag, die viele der Vorurteile, zu deren Untermauerung die Kommission offensichtlich eingesetzt wurde, wie Butter in der Sonne schmelzen ließ. Diese eindeutigen Ergebnisse wurden jedoch nur zum Teil in den offiziellen Endbericht aufgenommen - so z. B. die Aussage, dass sich bezüglich der psychischen Folgen einer Mitgliedschaft eine "generelle Schädlichkeit ... nicht bestätigen" lasse, oder dass ein Ausstieg "in den meisten Fällen ... ohne fremde Hilfe möglich" sei. Wer eine Zusammenfassung dieser wissenschaftlichen Ergebnisse lesen will, findet sie im Sondervotum der Grünen.

Den offiziellen Bericht dominieren statt dessen seitenlange allgemeine Erörterungen mit geheimnisvollen Andeutungen über "mögliche Gefahren" und "Konfliktpotentiale einzelner Gruppen" - wobei diese Erörterungen die empirischen Ergebnisse zum Teil glatt ignorieren.

Dies entspricht jedoch nur der Einstellung, der die empirische Religionsforschung in Deutschland schon seit vielen Jahren begegnet. "Deutschland allerdings ist hinsichtlich der wissenschaftlichen Erforschung von neuen religiösen Bewegungen ein Entwicklungsland", schreibt Seiwert. Der Religionswissenschaftler Dr. Joachim Süß aus Mainz sprach auf einer Tagung der REMID (Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst) in Marburg Ende März 1998 von "Feindbildern", die gegen neue religiöse Bewegungen aufgebaut wurden und die einen echten Diskurs über das Thema unmöglich machen. "Mit der Neureligionenforschung ist nicht nur keine nennenswerte fachliche Reputation verbunden, auch auf Forschungsförderung sollte man nicht hoffen." Statt ernsthafter Forschung, so Süß weiter, stapelten sich in Bibliotheken pseudowissenschaftliche "Aufklärungsbücher" mit reißerischen Titeln wie "Im Bann von ...", "Im Netz der ...", Verstrickt in ..." oder "Ich war ein ...", welche allesamt die positiven Seiten der Gruppierungen völlig ausblendeten und in denen "die ‘Stimme der eigentlich Betroffenen, die der Gläubigen nämlich, noch immer vollständig ignoriert" werde.

Es werden also nicht nur neue religiöse Bewegungen ausgegrenzt, sondern auch Wissenschaftler, die über diese möglichst unvoreingenommen forschen wollen. Wie um dies zu bestätigen, blieben zwei kirchliche "Sektenforscher", der lutherische Theologe Michael Nüchtern und der katholische Theologe Hans Gasper, Mitglied der Enquete-Kommission, der Marburger Tagung mit dem Thema "Neue Religionen" fern. Die Tagung begegne dem Problem "nicht kritisch genug". REMID konterte, es gehe wohl eher darum, "wer sich in der Öffentlichkeit über neue Religionen äußern darf und wer nicht."

Massimo Introvigne, übrigens selbst ein bekennender Katholik, bemerkte daraufhin zu Beginn der Tagung etwas sarkastisch, die Kritiker einer objektiven Erforschung neuer Religionen "merken gar nicht, dass sie sich selbst als Untersuchungsobjekt für unsere Forschung aufdrängen und dass sie unsere Anwesenheit in bestimmten Ländern noch viel interessanter und anziehender machen." Auch Introvigne warnt davor, den Staat, einmal abgesehen von der Einhaltung der normalen Gesetze, in diese Frage mit hineinzuziehen: "Die ‘Sektenfrage’ könnte leicht als Vorwand dienen (indem man ihre Bedeutung übertreibt), die staatlichen Interventionsmöglichkeiten gegenüber dem Vereinsleben und dem religiösen Leben noch auszudehnen."


Sondervotum der Grünen:
Mit Vorurteilen aufgeräumt

Sechs Gutachten hat die Enquetekommission "So genannte Sekten und Psychogruppen" in Auftrag gegeben. Darin finden sich unter anderem folgende Ergebnisse:

Stichwort "Gehirnwäsche":
"Die oftmals unter dem Stichwort ‘Brainwashing’-These zusammengefassten Ergebnisse ... werden in der wissenschaftlichen Debatte sowohl methodisch als auch inhaltlich kritisiert und z. T. widerlegt."

Stichwort "schwieriger Ausstieg":
"Die Mitgliedschaft in NRB (neuen religiösen Bewegungen; die Redaktion) ist in der Regel relativ kurz und kann unter Umständen als eine Durchgangsphase angesehen werden. ... Der von praktisch nahezu allen Autoren berichtete hohe Durchlauf in NRB mit relativ geringen Zeiten der Mitgliedschaft spricht gegen die These, dass einmal gewonnene Mitglieder nicht mehr in der Lage sind, sich aus eigener Energie wieder zu lösen."

Stichwort "Abhängigkeit und Ausbeutung":
"In allen sozialen Strukturen, die durch Abhängigkeitsverhältnisse und intensive emotionale Beziehungen gekennzeichnet sind, ist die Möglichkeit von absichtlichem Missbrauch ... gegeben. So liegen entsprechende Erfahrungsberichte zu vielen Institutionen vor, z. B. zu den großen christlichen Kirchen, dem Schulwesen, der Psychiatrie, der Psychotherapie, dem Militär, der Ehe oder anderen Arbeitsverhältnissen."
Diese Zitate aus den Gutachten wurden dem Sondervotum der Grünen-Abgeordneten Angelika Köster-Lossack und des Professors Hubert Seiwert zum Bericht der Enquete-Kommission entnommen. Sie fassen in diesem Sondervotum noch weitere Ergebnisse aus den Gutachten und aus den Ermittlungen der Kommission wie folgt zusammen:

Stichwort "psychische Abhängigkeit":
"Der Kommission lagen keine empirischen Befunde vor, die die Annahme einer besonderen Form ‘psychischer Abhängigkeit’ in neuen religiösen Bewegungen begründen würde. Es gibt keine Hinweise auf das Vorliegen von ‘religiöser Abhängigkeit’. Insbesondere lagen keine empirischen Belege vor, die es rechtfertigen würden, bei den Mitgliedern neuer religiöser Bewegungen Symptome wie ‘Willenlosigkeit, Realitätsverlust’ oder ‘Aufhebung der für alle geltenden moralischen Grundsätze’ zu konstatieren."

Stichwort "psychische Schäden":
"Es gibt keine Hinweise darauf, dass die psychischen Probleme, die bei einigen Mitgliedern neuer religiöser Bewegungen konstatiert wurden, durch die Mitgliedschaft ausgelöst wurden, wenngleich dies im Einzelfall nicht ausgeschlossen werden kann. ... Es ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass sich keine allgemeinen Aussagen über die psychischen Folgen einer Mitgliedschaft in einer neuen religiösen Bewegung machen lassen. Während einerseits negative Folgen wie die Verstärkung bestehender psychischer Probleme nicht ausgeschlossen werden können, kann andererseits auch auf positive Effekte verwiesen werden."

Stichwort "Gesetzesverstöße":
"Der Kommission lagen keine Hinweise darauf vor, dass Gesetzesverstöße durch neue religiöse Bewegungen oder ihre Mitglieder häufiger vorkommen als in anderen sozialen Kontexten."

Stichwort "wirtschaftliche Betätigung":
"Bei den wirtschaftlichen Betätigungen neuer religiöser Gemeinschaften handelt es sich in der Bundesrepublik Deutschland um ein mit ökonomischen Kategorien nicht greifbares Randphänomen. ... Was als ‘Wirtschaftsimperium’ apostrophiert wird, entspricht nach den üblichen ökonomischen Kategorien einem mittelständischen Betrieb. Wenn die wirtschaftlichen Betätigungen religiöser Minderheiten mit denen der Großkirchen verglichen werden, müssen sie ebenfalls als unbedeutend angesehen werden."

Stichwort "Unterwanderung":
"Der Kommission lagen keine Informationen vor, die es nahe legen würden, dass Bürgerinitiativen und Bürger sowie Unternehmen, Verbände und Interessenvertretungen unbewusst in neue religiöse Bewegungen hineingezogen bzw. von diesen missbraucht werden."

Zusammenfassung:
"Auf der Basis der verfügbaren Informationen kommen wir zu dem Ergebnis, dass von neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen allgemein in Deutschland keine Gefahren für den einzelnen, die Gesellschaft oder den Staat ausgehen."

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Das unfaire "Argument" Selbstmord

Häufig wird bei Kampagnen gegen neue religiöse Bewegungen auf mehr oder weniger spektakuläre Fälle von Selbstmord verwiesen, um die "Gefährlichkeit" bestimmter Gruppen zu "beweisen". Doch der Wissenschaftler Prof. Seiwert sieht dies nüchterner: "Um eine solchen Zusammenhang zu belegen, genügt nicht der Verweis auf einzelne Fälle, sondern es wären statistische Analysen der Häufigkeit von Selbstmorden bei Sektenmitgliedern und in der Normalpopulation notwendig. Diese ergäben, dass bei jährlich fast 13.000 Selbstmordfällen in Deutschland, einer Gesamtpopulation von rund 80 Millionen und schätzungsweise 800.000 Mitgliedern religiöser Minderheiten jährlich rund 130 Suizide von Mitgliedern solcher religiöser Gemeinschaften zu erwarten sind. Erst wenn diese Zahl signifikant überschritten würde, könnte man eine Relation zwischen Sektenmitgliedschaft und Suizidhäufigkeit vermuten" (Schluss mit den Sekten!, S. 23).

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Literatur:
Massimo Introvigne, Hubert Seiwert (Herausgeber): "Schluss mit den Sekten!", Diagonal-Verlag Marburg 1998;
Deutscher Bundestag: "Endbericht der Enquete-Kommission ‘Sogenannte Sekten und Psychogruppen’", Drucksache 13/10950, Bundeshaus, Bonn

 - Hubertus Mynarek, Die neue Inquisition, Verlag Das Weisse Pferd, Marktheidenfeld 1999

- Matthias Holzbauer, Des Satans alte Kleider,
http://www.das-wort.com/deutsch/zeitkritisches/des-satans-alte-kleider.php


 



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