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Religionswissenschaftler entkräften
Vorurteile
Schluss mit der Abstemplung von Minderheiten
als "Sekten!"
Eine Nachlese zur Bundestags-Enquetekommission
Die Gesellschaft braucht
Kreativität und Innovation, also Erneuerung. Wer religiöse Minderheiten bekämpft,
fördert kulturelle und religiöse Konformität, also Anpassung, und verhindert damit die
Entstehung veränderter Werte und Lebensstile, die die Gesellschaft dringend benötigt.
Dies ist eine der Kernaussagen des Religionswissenschaftlers Prof. Hubert Seiwert aus
Leipzig in dem vor kurzem erschienenen Buch "Schluss mit den
Sekten!"
Das Aufkommen neuer Religionen sei "ein Symptom für einen
kulturellen Suchprozess nach neuen Wegen, wo sich die alten erkennbar in einer Krise
befinden. ... Die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft nimmt in dem Maße zu, in dem
für Minderheiten Spielräume bestehen, mit Alternativen zu experimentieren, von denen
einige sich vielleicht bewähren ... Denn die historische Erfahrung lehrt,
dass die
kulturelle Gestaltungskraft von Religionen einzigartig ist."

Auf Betreiben der Kirchen
befasste
sich der
deutsche Bundestag mit religiösen Minderheiten.
In demselben Buch räumt sein Kollege Massimo Introvigne aus Turin mit dem
Märchen auf, in den so genannten "Sekten" gebe es so etwas wie
"Gehirnwäsche", das heißt, die neu geworbenen Mitglieder könnten gegen ihren
Willen in die Gruppierung hineinmanipuliert werden. Dies sei wissenschaftlich längst
widerlegt und diese Widerlegung sei bei amerikanischen Gerichten auch aktenkundig. Dennoch
werde das Märchen immer noch verbreitet.
Den beiden Wissenschaftlern und zahlreichen ihrer Kollegen wurde
wiederholt vorgeworfen, sie "verharmlosten" das "Problem" der
"Sekten". Die beiden betonen jedoch, dass sie in verschiedenen neueren
Glaubensgemeinschaften durchaus auch Negatives sehen - aber das gebe es eben überall und
nicht in besonderem Maße bei religiösen Minderheiten. Weshalb werden diese, die in
keinem westlichen Land mehr als ein Prozent der Bevölkerung stellen (Introvigne), dann
von bestimmten Kreisen immer wieder zum "Problem" erklärt?
Genau dieser Frage geht Hubert Seiwert in dem erwähnten Buch nach. Er
stellt zunächst klar, dass religiöse Vielfalt keineswegs ein spezielles Phänomen
unserer Tage ist. Im 19. Jahrhundert wurden in Europa heute "etablierte"
Religionsgemeinschaften wie die Methodisten, die Baptisten oder die Heilsarmee von den
großen Kirchen als "Sekten" bekämpft - und zwar mit den fast den genau
gleichen Argumenten, die heute wieder, nur diesmal gegen andere Gruppen, vorgebracht
werden: Sie würden Menschen vereinnahmen und manipulieren usw. "Die heutige
Sektendiskussion steht also in einer historischen Kontinuität", schreibt Seiwert. Er
sieht darin einen Rückgriff auf das mittelalterliche Ideal einer weltanschaulich
homogenen Gesellschaft. Als Grund dafür nennt er "latente religiöse und
weltanschauliche Spannungen, die auf Verunsicherungen angesichts kaum noch steuerbarer
ökonomischer und sozialer Wandlungsprozesse verweisen. Ohne Zweifel ist das Auftreten
neuer Religionen Teil der neuen Unübersichtlichkeit und möglicherweise fühlen sich
dadurch in besonderer Weise solche Zeitgenossen provoziert, deren
Gewissheiten durch die
gesellschaftlichen Veränderungen massiv in Frage gestellt wurden."
In einer Gesellschaft, in der Konkurrenz eine wichtige Rolle spielt,
"Konkurrenz um gesellschaftliche Anerkennung, wirtschaftliche Ressourcen und
ideologischen Einfluss", können mächtige Gruppierungen wie die Großkirchen
weltanschauliche Konflikte vom Zaun brechen, auch wenn "die öffentliche und
politische Bedeutung, die der vermeintlichen Bedrohung durch Sekten
beigemessen wird, in keinem vernünftigen Verhältnis zu der quantitativen und
qualitativen Dimension des Problems steht."
Fragwürdige "Exoten"
Die politische Meinungsbildung, so Seiwert, stütze sich "nahezu
ausschließlich auf die Informationen und Interpretationen von Experten, die auch nach
ihrem eigenen Selbstverständnis nicht um wissenschaftliche Objektivität bemühte
Forschung betreiben, sondern sich der Auseinandersetzung mit und teilweise auch der
Bekämpfung von Sekten widmen." So gelang es beispielsweise in Deutschland, 1996 eine
Enquetekommission des Bundestages zum Thema "So genannte Sekten und
Psychogruppen" einzurichten.
Der Bundestag entschied sich dabei für dieses Thema und nicht für das
gleichzeitig zur Auswahl stehende Thema "Zukunft der Arbeit" - eine Bestätigung
für Seiwerts These von der "Verunsicherung", der man, so könnte man ergänzen,
mit der Suche nach dem Sündenbock begegnet, statt die eigentlich wichtigen Probleme
anzupacken.
Es ist jedoch gefährlich, durch unsachliche Kampagnen Emotionen zu
wecken. Seiwert warnt: "Die historische Erfahrung lehrt, dass es mitunter schwer ist,
die Emotionen zu kontrollieren, die durch religiöse oder ideologische Konflikte geweckt
werden. Wo Emotionen aufwallen, werden leicht Kräfte freigesetzt, deren Eigendynamik sich
jeder rationalen Kontrolle entzieht. ... Dies kann denen nicht gleichgültig sein, die
davon überzeugt sind, dass der Verzicht auf rationale Politik eine größere Gefahr für
einen freiheitlichen Rechtsstaat darstellt als einige Zehntausend Bürger, deren
religiöse Überzeugungen der Mehrheit unverständlich und absurd erscheinen." Es sei
beunruhigend, wenn in der Gesellschaft Gruppen durch den abwertenden Begriff
"Sekte" ausgegrenzt werden - Gruppen, denen man vorwirft, sich ihrerseits
auszugrenzen.
"Keine generelle Schädlichkeit"
Immerhin gelangte Seiwert, neben zahlreichen "Experten" der
Kirchen, auf Vorschlag der Grünen in die erwähnte Bundestagskommission. Und diese gab
einige Gutachten in Auftrag, die viele der Vorurteile, zu deren Untermauerung die
Kommission offensichtlich eingesetzt wurde, wie Butter in der Sonne schmelzen ließ. Diese
eindeutigen Ergebnisse wurden jedoch nur zum Teil in den offiziellen Endbericht
aufgenommen - so z. B. die Aussage, dass sich bezüglich der psychischen Folgen einer
Mitgliedschaft eine "generelle Schädlichkeit ... nicht bestätigen" lasse, oder
dass ein Ausstieg "in den meisten Fällen ... ohne fremde Hilfe möglich" sei.
Wer eine Zusammenfassung dieser wissenschaftlichen Ergebnisse lesen will, findet sie im Sondervotum der Grünen.
Den offiziellen Bericht dominieren statt dessen
seitenlange allgemeine Erörterungen mit geheimnisvollen Andeutungen über "mögliche
Gefahren" und "Konfliktpotentiale einzelner Gruppen" - wobei diese
Erörterungen die empirischen Ergebnisse zum Teil glatt ignorieren.
Dies entspricht jedoch nur der Einstellung, der die empirische
Religionsforschung in Deutschland schon seit vielen Jahren begegnet. "Deutschland
allerdings ist hinsichtlich der wissenschaftlichen Erforschung von neuen religiösen
Bewegungen ein Entwicklungsland", schreibt Seiwert. Der Religionswissenschaftler Dr.
Joachim Süß aus Mainz sprach auf einer Tagung der REMID (Religionswissenschaftlicher
Medien- und Informationsdienst) in Marburg Ende März 1998 von "Feindbildern",
die gegen neue religiöse Bewegungen aufgebaut wurden und die einen echten Diskurs über
das Thema unmöglich machen. "Mit der Neureligionenforschung ist nicht nur keine
nennenswerte fachliche Reputation verbunden, auch auf Forschungsförderung sollte man
nicht hoffen." Statt ernsthafter Forschung, so Süß weiter, stapelten sich in
Bibliotheken pseudowissenschaftliche "Aufklärungsbücher" mit reißerischen
Titeln wie "Im Bann von ...", "Im Netz der ...", Verstrickt in
..." oder "Ich war ein ...", welche allesamt die positiven Seiten der
Gruppierungen völlig ausblendeten und in denen "die Stimme der eigentlich
Betroffenen, die der Gläubigen nämlich, noch immer vollständig ignoriert" werde.
Es werden also nicht nur neue religiöse Bewegungen ausgegrenzt, sondern
auch Wissenschaftler, die über diese möglichst unvoreingenommen forschen wollen. Wie um
dies zu bestätigen, blieben zwei kirchliche "Sektenforscher", der lutherische
Theologe Michael Nüchtern und der katholische Theologe Hans Gasper, Mitglied der
Enquete-Kommission, der Marburger Tagung mit dem Thema "Neue Religionen" fern.
Die Tagung begegne dem Problem "nicht kritisch genug". REMID konterte, es gehe
wohl eher darum, "wer sich in der Öffentlichkeit über neue Religionen äußern darf
und wer nicht."
Massimo Introvigne, übrigens selbst ein bekennender Katholik, bemerkte
daraufhin zu Beginn der Tagung etwas sarkastisch, die Kritiker einer objektiven
Erforschung neuer Religionen "merken gar nicht, dass sie sich selbst als
Untersuchungsobjekt für unsere Forschung aufdrängen und dass sie unsere Anwesenheit in
bestimmten Ländern noch viel interessanter und anziehender machen." Auch Introvigne
warnt davor, den Staat, einmal abgesehen von der Einhaltung der normalen Gesetze, in diese
Frage mit hineinzuziehen: "Die Sektenfrage könnte leicht als Vorwand
dienen (indem man ihre Bedeutung übertreibt), die staatlichen Interventionsmöglichkeiten
gegenüber dem Vereinsleben und dem religiösen Leben noch auszudehnen."
Sondervotum
der Grünen:
Mit Vorurteilen aufgeräumt
Sechs Gutachten hat die Enquetekommission "So
genannte Sekten und
Psychogruppen" in Auftrag gegeben. Darin finden sich unter anderem folgende
Ergebnisse:
Stichwort "Gehirnwäsche":
"Die oftmals unter dem Stichwort ‘Brainwashing’-These
zusammengefassten
Ergebnisse ... werden in der wissenschaftlichen Debatte sowohl
methodisch als auch inhaltlich kritisiert und z. T. widerlegt."
Stichwort "schwieriger Ausstieg":
"Die Mitgliedschaft in NRB (neuen religiösen Bewegungen; die
Redaktion) ist in
der Regel relativ kurz und kann unter Umständen als eine Durchgangsphase
angesehen werden. ... Der von praktisch nahezu allen Autoren berichtete
hohe Durchlauf in NRB mit relativ geringen Zeiten der Mitgliedschaft
spricht gegen die These, dass einmal gewonnene Mitglieder nicht mehr in
der Lage sind, sich aus eigener Energie wieder zu lösen."
Stichwort "Abhängigkeit und Ausbeutung":
"In allen sozialen Strukturen, die durch Abhängigkeitsverhältnisse und
intensive emotionale Beziehungen gekennzeichnet sind, ist die
Möglichkeit von absichtlichem Missbrauch ... gegeben. So liegen
entsprechende Erfahrungsberichte zu vielen Institutionen vor, z. B. zu
den großen christlichen Kirchen, dem Schulwesen, der Psychiatrie, der
Psychotherapie, dem Militär, der Ehe oder anderen Arbeitsverhältnissen."
Diese Zitate aus den Gutachten wurden dem Sondervotum der
Grünen-Abgeordneten Angelika Köster-Lossack und des Professors Hubert
Seiwert zum Bericht der Enquete-Kommission entnommen. Sie fassen in
diesem Sondervotum noch weitere Ergebnisse aus den Gutachten und aus den
Ermittlungen der Kommission wie folgt zusammen:
Stichwort "psychische Abhängigkeit":
"Der Kommission lagen keine empirischen Befunde vor, die die Annahme
einer besonderen Form ‘psychischer Abhängigkeit’ in neuen religiösen
Bewegungen begründen würde. Es gibt keine Hinweise auf das Vorliegen von
‘religiöser Abhängigkeit’. Insbesondere lagen keine empirischen Belege
vor, die es rechtfertigen würden, bei den Mitgliedern neuer religiöser
Bewegungen Symptome wie ‘Willenlosigkeit, Realitätsverlust’ oder
‘Aufhebung der für alle geltenden moralischen Grundsätze’ zu
konstatieren."
Stichwort "psychische Schäden":
"Es gibt keine Hinweise darauf, dass die psychischen Probleme, die bei
einigen Mitgliedern neuer religiöser Bewegungen konstatiert wurden,
durch die Mitgliedschaft ausgelöst wurden, wenngleich dies im Einzelfall
nicht ausgeschlossen werden kann. ... Es ist in diesem Zusammenhang
festzuhalten, dass sich keine allgemeinen Aussagen über die psychischen
Folgen einer Mitgliedschaft in einer neuen religiösen Bewegung machen
lassen. Während einerseits negative Folgen wie die Verstärkung
bestehender psychischer Probleme nicht ausgeschlossen werden können,
kann andererseits auch auf positive Effekte verwiesen werden."
Stichwort "Gesetzesverstöße":
"Der Kommission lagen keine Hinweise darauf vor, dass Gesetzesverstöße
durch neue religiöse Bewegungen oder ihre Mitglieder häufiger vorkommen
als in anderen sozialen Kontexten."
Stichwort "wirtschaftliche Betätigung":
"Bei den wirtschaftlichen Betätigungen neuer religiöser Gemeinschaften
handelt es sich in der Bundesrepublik Deutschland um ein mit
ökonomischen Kategorien nicht greifbares Randphänomen. ... Was als
‘Wirtschaftsimperium’ apostrophiert wird, entspricht nach den üblichen
ökonomischen Kategorien einem mittelständischen Betrieb. Wenn die
wirtschaftlichen Betätigungen religiöser Minderheiten mit denen der
Großkirchen verglichen werden, müssen sie ebenfalls als unbedeutend
angesehen werden."
Stichwort "Unterwanderung":
"Der Kommission lagen keine Informationen vor, die es nahe legen würden,
dass Bürgerinitiativen und Bürger sowie Unternehmen, Verbände und
Interessenvertretungen unbewusst in neue religiöse Bewegungen
hineingezogen bzw. von diesen missbraucht werden."
Zusammenfassung:
"Auf der Basis der verfügbaren Informationen kommen wir zu dem Ergebnis,
dass von neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen allgemein in
Deutschland keine Gefahren für den einzelnen, die Gesellschaft oder den
Staat ausgehen."
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Das unfaire "Argument" Selbstmord
Häufig wird bei Kampagnen gegen
neue religiöse Bewegungen auf mehr oder weniger spektakuläre Fälle von Selbstmord
verwiesen, um die "Gefährlichkeit" bestimmter Gruppen zu "beweisen".
Doch der Wissenschaftler Prof. Seiwert sieht dies nüchterner: "Um eine solchen
Zusammenhang zu belegen, genügt nicht der Verweis auf einzelne Fälle, sondern es wären
statistische Analysen der Häufigkeit von Selbstmorden bei Sektenmitgliedern und in der
Normalpopulation notwendig. Diese ergäben, dass bei jährlich fast 13.000
Selbstmordfällen in Deutschland, einer Gesamtpopulation von rund 80 Millionen und
schätzungsweise 800.000 Mitgliedern religiöser Minderheiten jährlich rund 130 Suizide
von Mitgliedern solcher religiöser Gemeinschaften zu erwarten sind. Erst wenn diese Zahl
signifikant überschritten würde, könnte man eine Relation zwischen Sektenmitgliedschaft
und Suizidhäufigkeit vermuten" (Schluss mit den Sekten!,
S. 23). |
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