Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 17/98

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Vor den Toren zu
 Neu Jerusalem

In Anlehnung an eine mündlich überlieferte Erzählung

Mitten im weiten Land liegt von hohen Stadtmauern umgeben die Stadt Neues Jerusalem. Von hoher Zinne überwacht der Stadtwächter die aus der Ferne auftauchenden Wanderer und Pferdegespanne, die an der Stadt vorbeiziehen, oft aber auch den Weg hinein in die Stadt suchen. Immer wieder einmal kommt ein Besucher herbei und verlangt beim Stadtwächter Einlass in die Stadt. Dann steigt dieser herab und öffnet das schwere Tor - jedoch nicht, ohne sich den Gast vorher genau angesehen und ihn befragt zu haben.

So trug es sich denn eines Tages zu, dass ein Fremder nach langer Reise an das Stadttor klopfte, um hereingelassen zu werden. Freundlich begegnete ihm der Wächter und fragte, was sein Ansinnen sei. Da antwortete ihm der Fremde und sprach:

"Siehe, Stadtwächter, ich bin von weit hergekommen, und es ist mein Wunsch in dieser Stadt mich niederzulassen; denn eine neue Existenz aufzubauen ist mein Sinn. Doch erst möchte ich von Dir hören, wer die Bewohner dieser Stadt sind, wie sie miteinander umgehen und wie sie sich gegenüber einem neuen Zuzügler verhalten, denn davon will ich abhängig machen, ob ich hier bleibe oder weiter ziehe, um mein Glück anderswo zu finden".

"Ei, wie vorsichtig Du bist", antwortete ihm der Stadtwächter, "und wie sehr Du Deinen Schritt in eine neue Heimat abwägst. Gerne will ich Dir Auskunft geben, aber zuvor sage mir doch, Fremdling, was führt Dich von Deinem Zuhause fort, und wie waren die Menschen dort?"

"Nun ja", erwiderte ihm da der Fremde und holte tief Luft: "In meiner alten Heimat, da ist das Leben nicht einfach. Die Mitmenschen sind neidisch und misstrauisch - sogar gegen ihre engsten Freunde, und keiner lässt am Nächsten eine einzige gute Eigenschaft. Sie bespitzeln sich gegenseitig und reden hinter dem Rücken oder hinter vorgehaltener Hand über alles und jeden, und immer mit dem Ziel, die Fehler des anderen zu brandmarken und ihn damit vor den Mitbürgern schlecht zu machen. Wo sie keine Lüge oder Hetze verbreiten können, ist ihre treffsichere Kritik die schärfste und schmerzlichste Waffe, und kaum einer kann sich ihr entziehen. Ich habe dieses Leben satt, denn diese Menschen ruinieren mich und machen mich unglücklich; und darum habe ich mich entschlossen, meiner Heimatstadt Lebewohl zu sagen und in eine neue Stadt zu ziehen. So sage mir denn nun, Stadtwächter, wie sind die Menschen hier?"

Nachdenklich wiegte der Stadtwächter seinen Kopf und meinte dann: "Du wirst es in dieser Stadt nicht leicht haben, Fremder, denn siehe, so wie Du die Bewohner Deiner alten Heimat geschildert hast, genauso sind auch die Bürger dieser Stadt; alles was Du an Charakterschwächen, Gemeinheiten und Niedertracht beschrieben hast, trifft auch auf diese Menschen zu. Es tut mir leid, Dir keine andere Antwort geben zu könne."

Das ließ den Fremden aufhorchen, und er überlegte nicht lange, bevor er alle Habseligkeiten wieder zusammengepackt hatte, um weiterzureisen: "Ich danke Dir für Deine Auskunft, aber diese Stadt scheint nicht die richtige für mich zu sein. Ich ziehe weiter. Gehab’ Dich wohl!" - und er zog eilends von dannen.

Nicht lange danach tauchte vor den Stadtmauern ein anderer Wanderer auf und begrüßte den Stadtwächter mit freundlichem Handzeichen: "Gott sei mit Dir", rief er dem Wächter zu, als er noch eine ganze Strecke von ihm entfernt war. "Gott sei mit Dir, Wanderer", erwiderte der Stadtwächter den herzlichen Gruß.

Als sich die beiden gegenüber standen, fragte der Stadtwächter wieder nach dem Grund des Besuches des Wanderers.

Da sprach der Wanderer: "Es ist mir durch eine Erbschaft ein Haus in dieser Stadt zugefallen und nun bin ich hier, um mir mein neues Eigentum anzusehen und schließlich hierher zu ziehen, denn nicht vieles habe ich, was mir gehört, und so ist ein eigenes Haus für mich der Ort, in dem ich leben möchte. Aber, Wächter, sage mir doch, wer sind die Menschen, die hier wohnen, denn ich kenne sie nicht und ich habe noch nie etwas von dieser Stadt gehört, bis ich nun dieses Erbe antrete?"

Da antwortete der Stadtwächter aufs neue mit sachlichem Tonfall: "Das will ich Dir gerne sagen, Wanderer, aber sage mir doch zuvor: Wie waren denn die Menschen in Deiner alten Heimat?"

Da ging ein Leuchten über das Gesicht des Mannes: "Es war wunderbar in jener Stadt, und wenn ich nicht dieses Haus geerbt hätte, wäre ich niemals von dort weggegangen. Die Menschen waren mir ganz besonders ans Herz gewachsen. Jeder konnte mit jedem offen über alles sprechen, wir teilten Freud und Leid miteinander, und es gab keine Schwierigkeiten, die wir nicht gemeinsam lösen konnten. Wir haben miteinander gelacht und geweint, oft auch einmal gestritten und uns dann wieder versöhnt - es war ein gutes und erfülltes Leben mit jenen Menschen". Und nachdenklich fügte er hinzu: "Es ist mir schwer, sehr schwer gefallen, von dort Abschied zu nehmen."

Der Stadtwächter sah dem Mann in die Augen und sprach: "Du wirst es in dieser Stadt gut haben, denn siehe, so wie Du die Bewohner Deiner alten Heimat geschildert hast, genauso sind auch die Bürger dieser Stadt. Alles was Du an Herzensbildung und Gemeinschaftssinn beschrieben hast, trifft auch auf diese Menschen zu. Ich freue mich, Dir diese Antwort geben zu können und dass Du ein Bürger dieser Stadt werden möchtest."

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Da reichte der Wanderer dem Stadtwächter die Hand und ging mit ihm frohgemut hinein in die Stadt Neues Jerusalem, um sein Erbe anzutreten.


 



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