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Wer ist schuld an der
"weißen Sintflut"?Das Klima kommt aus dem Rhythmus
Schon wenige Tage nach dem
verheerenden Lawinenunglück im österreichischen Galtür, bei dem 38 Menschen starben,
herrschte auf den Straßen der Alpen schon wieder reger Verkehr: Bettenwechsel. Die Lifte
waren wieder in Betrieb. Ein Hotelier aus dem Paznauntal versuchte, der Katastrophe trotz
der finanziellen Einbußen positive Seiten abzugewinnen: "Und wenn am Ende in den
Köpfen bleibt, dass es in Ischgl bebt und kracht, dann ist das doch toll."
Also alles wieder in Ordnung - und die Lawinen Schnee von gestern?

"Der Berg ruft nicht mehr -
der Berg kommt", sagen Naturschützer
Oder waren die Lawinenkatastrophen ein weiteres Anzeichen für einen
globalen Klimawandel, der sich allmählich auch auf Mitteleuropa auswirkt? "Mehr
Luftströmungen aus dem Westen", stellte der Klimaforscher Friedrich Wilhelm
Gerstengarbe aus Potsdam in den Tagesthemen fest, bestimmen unser Klima heute.
"Wir bekommen mehr feuchtere Luft und damit mehr Niederschläge." Warme Luft
kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kalte. Bedingt durch eine allgemeine Erwärmung, so
Gerstengarbe, treten diese Wetterlagen häufiger als früher im Winter auf, der dadurch
feuchter wird. Gleichzeitig werden wir "höchstwahrscheinlich trockenere Sommer
bekommen."
Auch der Klimageograf Rüdiger Glaser aus Würzburg rechnet in den
kommenden Jahren mit "mehr nassen Wintern und trockenen Sommern", was die
Hochwassergefahr erhöhen wird. Die ersten Auswirkungen dieser Klimaverschiebung bekamen
in den letzten Jahren die Landwirte zu spüren: Im Sommer vertrocknete teilweise die Ernte
auf dem Halm, im Herbst blieb dann nur wenig Zeit, um Getreide und Gemüse von den bereits
nass geregneten Feldern hereinzubringen.
Im vergangenen Jahr konnte man noch aufatmen, weil das Klimaphänomen El
niño, das weltweit den einen Dürre und Waldbrände, den anderen Überschwemmungen
und Erdrutsche bescherte, Europa verschonte. Doch auch ein Land wie Ungarn, ohne hohe
Berge und Meeresküsten, litt im letzten halben Jahr zweimal unter verheerendem Hochwasser
und einmal unter extremen Schneemengen.
Aber waren die letzten Winter nicht teilweise auch kalt? Das passe
durchaus ins Bild, sagt Prof. Gerstengarbe, " ... wenn wir einen Übergang von einem
Klimaregime zum anderen haben. Und das erleben wir zur Zeit. Dann treten Extreme gehäuft
auf, sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung."
Die Extreme nehmen zu
Dies bestätigt auch der Klima-Geograf Hubert Nagl aus Wien: "Die
Extremereignisse nehmen zu - sowohl an Häufigkeit als auch an Intensität."
"Extreme"?! Nehmen die Extreme nicht auch unter den Menschen zu?
Die Kluft zwischen arm und reich vergrößert sich immer mehr. Gleichzeitig mit der Angst
vor Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Depression vergrößert sich die Fluchtbewegung
in das kurze Vergnügen. Hunderttausende drängen sich in den völlig überlaufenen Bergen
oder an dicht belegten Stränden. Dabei sucht ein Großteil von ihnen weniger die
Besinnung und Verbundenheit mit der Natur als vielmehr "Erlebnisse", kommerziell
vorgefertigten Spaß. So ist es wohl kein Zufall, dass die hoch technisierte
"Erlebnis- und Freizeitgesellschaft" zuerst in den Alpen an ihre Grenzen
stößt. Ein sensibles Ökosystem wurde zum am stärksten besiedelten und
industrialisierten Gebirge der Welt.
Ein Viertel des gesamten Welttourismus wird dort abgewickelt - mit einem
Jahresumsatz von 90 Milliarden Mark. Das Straßennetz der Alpen, einschließlich der voll
ausgebauten Almenwege, würde aneinandergereiht zehnmal um den Erdball herumführen. In
schneearmen Wintern - und auch die wird es im Schaukelspiel der Extreme wieder geben -
stehen mehr als 600 Schikanonen bereit, um mit hohem Energie- und Wassereinsatz
künstlichen, mit Chemikalien versetzten Schnee zu versprühen. Ein Ende des Baubooms ist
noch immer nicht abzusehen: 45 Natur verbrauchende Großprojekte wie Bergbahnen oder
Skigebiete sind in den Alpen noch geplant, 22 Wasserkraftwerke und Stauseen sowie 49
Fernstraßen.
Und wenn die Schneegrenze, wie von Klimaforschern angekündigt,
mittelfristig steigt, so dass Skifahren erst in Gebieten oberhalb einer Höhe von 1500 bis
2000 Metern möglich sein wird, dann erwarten die Experten, so Die Woche, nicht
etwa ein Umdenken, sondern einen neuen Bebauungsschub "in noch höhere,
gefährlichere und ökologisch sensible Gletschergebiete etwa."
Der Bergwald, der den Schnee festhalten könnte, ist teilweise abgeholzt
worden, teilweise überaltert, weil sich seine Pflege nicht mehr rentiert, und außerdem
durch Luftschadstoffe und Wildverbiss dezimiert. "Der Zustand der Schutzwälder in
Tirol ist alarmierend schlecht", sagte ein Lawinenforscher im Bayerischen Fernsehen.
"Er ist morsch wie ein alter Mensch." Wie mögen wohl die Bäume und die Tiere
des Waldes, die auf immer kleinere Flächen zusammengedrängt werden, uns Menschen sehen?
Vielleicht als Wesen mit morschen Charaktereigenschaften, die ihnen und auch sich selbst
viel Leid zufügen?
Respekt verloren
Der Mensch hat den Blick für die Natur weitgehend verloren. "Wir
wissen gar nicht mehr, wie gefährlich es in den Bergen ist", sagt der Bergsteiger
Reinhold Messner gegenüber News. "In Horden fühlen sich alle zu sicher. Als
einzelner merkt man die Bedrohung in der Natur viel eher."
Die Natur fordert den Respekt zurück, der ihr zusteht und den der Mensch
weitgehend verloren hat. Als Hannibal im Jahre 218 v. Chr. die Alpen mit seinen Elefanten
überquert, kommen von 38 000 Soldaten die Hälfte um. Damals waren die Alpen unwirtlich
und fast unpassierbar. Werden sie es eines Tages wieder? Mit den Alpengletschern schmelzen
die Süßwasserreserven, die bisher Großstädten in Alpennähe wie München, Salzburg
oder Wien die Lebensgrundlage sichern. Und der bisher in vielen Bereichen fest gefrorene
Untergrund weicht auf, die geschwächten Wälder können ihn nicht mehr halten - und die
Überreste der letzten Eiszeit, die noch längst nicht durch die Wasserläufe aus den
Alpen herausgeschafft sind, kommen vermehrt in Bewegung.
"Die Menschen sitzen auf Zeitbomben", warnte der Göttinger
Geographieprofessor Matthias Kuhnle bereits 1997. Als im Sommer 1998 die Brennerautobahn
durch einen Erdrutsch unpassierbar wurde, wobei fünf Urlauber starben, sagte Hubert
Weiger vom Bund Naturschutz: "Der Berg ruft nicht mehr, der Berg kommt."

Mit einer Lawine rechnete hier niemand.
Doch er kommt nicht ohne Vorwarnung, so wie auch die Lawinen im Paznauntal
vorhergesagt wurden. Der Tiroler Meteorologe Erhard Berger hatte schon drei Tage, bevor
die Lawinen auf Galtür niedergingen, vor drei Meter Neuschnee und einer, so wörtlich,
"katastrophalen Situation" gewarnt. Die Behörden gaben diese Warnung nicht an
die Urlauber weiter. Die Karten mit den eingezeichneten Lawinen-Gefahrenzonen, so Frontal,
blieben in den Schubladen der Rathäuser.
Eine Evakuierung unterblieb, weil man schließlich "nicht halb Tirol
evakuieren konnte", so der Landeshauptmann. Und die örtlichen Behörden in Galtür
und Ischgl, die um Rücksprache gebeten wurden, gaben optimistische Lageberichte. In
Galtür genehmigte man sogar ein Straßenfest. Auf dem Heimweg wurden dann zahlreiche
Urlauber von einer Lawine verschüttet - die Ortsstraße, so Frontal, verläuft an
einigen Stellen durch die gelbe Gefahrenzone. Dort müsste man bei Lawinengefahr
eigentlich in den Häusern bleiben.
Wer ist schuld?
Sind nun die Behörden
schuld? Oder diejenigen, die es aus Profitinteresse zuließen, dass aus einem
"Gebirgsidyll" (so Hemingway 1927 über Galtür) ein Fremdenverkehrsort wurde,
in dem im Winter fünfmal soviel Gäste wie Einwohner leben? Und das ist bei weitem noch
keine Spitzenzahl. Oder hat nicht jeder seinen kleineren oder größeren Anteil an der
Zerstörung und Zersiedelung der Natur, der sie gedankenlos benützt?
Oder ist es die Natur, die "zurückschlägt", sind die Lawinen
die "weiße Rache der Berge", die "weiße Sintflut", wie der Spiegel
schreibt? Wir neigen oft dazu, der Natur "menschliches Denken" zu unterstellen.
Und doch: Ist es nicht ein Symbol für das Gesetz von Saat und Ernte, wenn sich erst
Wolken, dann Schneemassen zusammenballen, wenn sich sämtliche künstlichen Verbauungen
und Lawinenzäune füllen und doch nicht verhindern können, dass die Lawine alles
niederwalzt? "Wie überreife Früchte hängen die Schneemassen derzeit in den
Bergen", lesen wir in der Süddeutschen Zeitung.
Der Vergleich mit der Sintflut, den der Spiegel bringt, könnte uns
also nachdenklich machen: Die Sintflut ist nach biblischem Verständnis eine Sündflut.
Auch heute ist es nicht einfach das "blinde Wüten" der Natur, das uns durch die
sich häufenden Naturkatastrophen zusetzt. Die von Menschen gesetzten Ursachen sind
inzwischen mit Händen zu greifen, im vorliegenden Fall: Die globale Aufheizung der
Atmosphäre durch eine naturwidrige Zivilisation und die Überstrapazierung der
Alpenregion durch eine hemmungslose Freizeitindustrie.
Doch die äußeren Kausalitäten sind nur das Abbild einer geistigen
Dimension: des Gesetzes von Saat und Ernte, das der Sintfluterzählung der Bibel zugrunde
liegt und das Jesus von Nazareth lehrte. Der Mensch, der die kosmische Ordnung stört,
bekommt die Unordnung zu spüren. Als er sein wollte wie Gott, verlor er seine geistige
Heimat (biblisch gesprochen: das Paradies); seit er gegen seinesgleichen Kriege führt,
verlor er die Liebe und erntete Hass; seit er auch noch die Natur zerstört, droht ihm der
Verlust seiner irdischen Heimstatt.
Jeder von uns ist an diesem Niedergang mehr oder weniger beteiligt. Nicht
nur die Kriegsherren, die mit Waffengewalt zuschlagen, sondern auch der "brave
Bürger", der nur mit Gedanken zuschlägt, wenn ihm sein Nachbar
missfällt; nicht
nur die Feuerwerker, die ganze Tropenwälder in Rauch aufgehen lassen, sondern auch die
"Naturliebhaber", die sich für jeden Berggipfel eine Seilbahn wünschen. Wir
alle sind mit unseren Gefühlen, Gedanken, Worten und Taten für die Aura und das
Schicksal dieser Erde mitverantwortlich, genauso wie für unser eigenes Schicksal. Nicht
der unerfindliche Ratschluss eines "strafenden Gottes" führt uns in Unglück
und Not, sondern wir selbst sind es, die Warnungen missachten -Warnungen der Natur ebenso
wie Warnungen unseres Gewissens - und dann unter die Räder kommen.
Es gibt keine Zufälle,
gleich ob ein Zug entgleist oder eine Lawine ins Tal donnert. Wir wissen nicht, warum
gerade diesen oder jenen das Schicksal einer schweren Krankheit oder eines Unfalls trifft,
und es steht uns nicht zu, darüber selbstgerecht zu spekulieren. Vielleicht trifft uns
morgen ein ähnliches Unglück.
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