Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 10/99

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Die NATO und ihre Strategie

Das Kosovo: Stachel im Fleisch westlicher Geopolitik?

Die NATO feierte ihren 50. Geburtstag eher verhalten. Der Krieg im Kosovo dauerte schon einige Wochen an und die Stimmen mehrten sich, dass die NATO den Durchhaltewillen von Milosevic falsch eingeschätzt habe.
Je länger der Krieg dauert, desto mehr jugoslawische Zivilisten werden dabei
"aus Versehen" getötet, und die täglichen Bilder vom Leid der Flüchtlinge, die zur Rechtfertigung der Bombardements dienen sollen, lassen die Fernsehzuschauer allmählich abstumpfen.

Karte: Europa, NATO-Mitglieder, Jugoslawien

Jugoslawien (farbig) ist umgeben von NATO-Staaten oder solchen, die sich der NATO annähern wollen.

Alles nur eine Fehleinschätzung mit tragischen Folgen, wo man doch nur Menschenrechte schützen wollte? Oder geht es bei diesem Krieg in Wirklichkeit um andere Interessen, die dem normalen Zuschauer vorenthalten werden? Es wäre schließlich der erste Krieg, der allein aus "ideellen" und nicht aus machtpolitischen Gründen geführt würde.

Sie treiben Geopolitik, reden aber kaum darüber

Die einzige Weltmacht - so lautet der Titel eines Buchs, das der ehemalige Sicherheitsberater Präsident Carters, Zbygniew Brzezinski, Ende 1997 schrieb (inzwischen als Fischer-TB erhältlich). Er vergleicht darin die globale Vorherrschaft der Amerikaner mit den Weltreichen der Römer und des britischen Empire.

Dabei bezieht er sich ausdrücklich auf Gedankengänge, die unter dem Begriff "Geopolitik" in die Geschichte eingegangen sind. Harold Mackinder zu Beginn des Jahrhunderts und Albrecht Haushofer in den zwanziger Jahren entwickelten die Theorie, dass die Herrschaft über größere Gebiete immer mit der Macht über bestimmte "Kernländer" zusammenhänge.

Mackinder bezeichnete die zentralasiatische Region einschließlich Sibiriens als "Weltinsel" und einen Teil des osteuropäischen Raumes (etwa zwischen Polen und Jugoslawien) als das "Herzland". Und er kam zu dem Schluss: "Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland; wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel; wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt."

Geopolitische Erwägungen bestimmen auch heute noch die Weltpolitik. Man spricht nur nicht gern darüber. Nicht zuletzt deshalb, weil auch Hitler Geopolitik betrieb.

Gefährliche NATO-Planspiele

Dass Brzezinskis Vorliebe für die Geopolitik keine Schrulle eines elder statesman ist, zeigen auch die Ausführungen Peter Scholl-Latours in der Welt am Sonntag (2.5.1999). Er erwähnt einen Film im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen, in dem unverblümt von einer Strategie der Nato in Richtung Osten gesprochen wurde - und zwar nicht nur im Sinne der bisherigen Osterweiterung nach Tschechien, Polen und Ungarn.

Das Ziel sei vielmehr, "Russland von den Erdöl- und Erdgas-Vorkommen des Kaukasus und Turkestans abzuschneiden. Die zentral-asiatischen GUS-Republiken würden Schritt für Schritt in die Nato einbezogen, um eine geographische Barriere zwischen Russland, Persien und dem Indischen Ozean aufzurichten."

Ist das der tiefere Grund für die Feindschaft zwischen dem Iran (Persien) und den USA? Brzezinski sieht die größte Bedrohung für die Vormachtstellung der USA im eurasischen Raum in einer Allianz zwischen Russland, China und - dem Iran. Usbekistan und Aserbeidschan, die er - neben der Ukraine - den USA als vorrangig unterstützenswert empfiehlt, würden in der Tat Russland von Persien abriegeln - und damit den Amerikanern den alleinigen Zugang zu den immensen Ölvorkommen rund um das Kaspische Meer sichern.

Doch zurück zu Scholl-Latour und seinem interessanten Film: "Die Präsenz des kasachischen Präsidenten Sultan Nasabajew bei den Jubiläumsfeiern der Nato deutet darauf hin, dass die Allianz sich bis an die Grenze Chinas vorzuschieben gedenkt. Der amerikanischen Planung mag es gut ins Konzept passen, wenn das Reich der Mitte von Taiwan und von Kasachstan in die Zange genommen würde."

Scholl-Latour, der die Gegend zwischen dem Kaukasus und Afghanistan in seinem gleichnamigen Buch als "Schlachtfeld der Zukunft" bezeichnet, warnt davor, dass Russland auf solch "wahnwitzige Planspiele" nur mit großer Irritation reagieren kann. Nicht zuletzt, weil Nato-Generalsekretär Solana persönlich im besagten Film solche Strategien gutgeheißen habe.

Was also treibt die Nato zum Krieg im Kosovo? Schutz der Menschenrechte? Wenn wir uns eine Karte Europas ansehen, dann erscheint Jugoslawien wie ein einsamer, zurückgebliebener Fremdkörper in einer Zone, die mittlerweile zur Nato gehört oder kurz vor deren Türe steht.

Ein Stachel im strategischen Fleisch der "einzigen Weltmacht"? Wurde hier ein ohne Zweifel grausam ausgetragener ethnischer Konflikt dazu benutzt, strategische Ziele zu verfolgen, statt ihn rechtzeitig mit friedlichen Mitteln zu entschärfen? Welche Rolle spielen die Bodenschätze des Kosovo - u. a. Blei, Zink, Kohle?

Die Interessen Europas

Es soll hier nicht einem Antiamerikanismus das Wort geredet werden. Auch die westeuropäischen Mächte haben ihre geopolitischen Interessen, die mit den amerikanischen nur zum Teil übereinstimmen. Die Nato dient, wie die taz sarkastisch feststellt, der "Sicherung des Reichtums der ersten Welt", zu der auch die Europäische Union gehört.

Während die amerikanische und europäische Rüstungsindustrie sich auf neue Aufträge freut (und ihre neuen Waffen ausprobiert werden), warten vor allem europäische Unternehmen schon auf fette Aufträge für den Wiederaufbau Südosteuropas - auf Kosten des Steuerzahlers der EU, versteht sich. Wobei Europa andererseits an einer völligen wirtschaftlichen Zerstörung Jugoslawiens und seiner Nachbarländer (auch Mazedonien steht aufgrund der unterbrochenen Verkehrswege kurz vor dem Kollaps) nicht interessiert sein kann - denn wo gar nichts mehr ist, lässt sich nur schwer etwas aufbauen.

Das "neue Habsburg"

Die Europäische Union strebt offenbar ebenfalls eine Vorherrschaft an - zumindest die über den Balkan. Damit schlüpft sie in die strategische Rolle des untergegangenen Habsburgerreiches, das dort im 19. Jahrhundert mit Russland und dem Osmanischen Reich um die Herrschaft kämpfte.

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In der italienischen Zeitung Republica schrieb Barbara Spinelli, Tochter eines italienischen Europapolitikers der Nachkriegszeit: "Der Balkan braucht einen supranationalen, oder besser: imperialen Raum ... ein neues Habsburg." Das neue Habsburg stünde dann, wie das alte, unter der Kuratel der römischen Kurie. Interessanterweise empfing der Papst erst vor kurzem - sicher nicht zum Wohlgefallen der Amerikaner - den iranischen Regierungschef, und er besuchte vor einigen Tagen - sicher nicht zufällig gerade jetzt - das auf dem Balkan liegende Rumänien.

Doch gleich wer was im Schilde führt - in Jugoslawien sterben Menschen unter Bomben - und den Vertriebenen und Ermordeten im Kosovo wird durch "Geopolitik" nicht geholfen. Und vor allem: Haben die Mächtigen überhaupt noch den Überblick über ihre eigenen Machenschaften? Das Feuer, mit dem sie spielen, hat in diesem Jahrhundert schon zwei Weltenbrände entfacht.


 



 




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