|
Die NATO und ihre
StrategieDas Kosovo: Stachel im Fleisch westlicher Geopolitik?
Die NATO feierte ihren 50.
Geburtstag eher verhalten. Der Krieg im Kosovo dauerte schon einige Wochen an und die
Stimmen mehrten sich, dass die NATO den Durchhaltewillen von Milosevic falsch
eingeschätzt habe.
Je länger der Krieg dauert, desto mehr jugoslawische Zivilisten werden
dabei "aus Versehen" getötet, und die täglichen Bilder vom
Leid der Flüchtlinge, die zur Rechtfertigung der Bombardements dienen
sollen, lassen die Fernsehzuschauer allmählich abstumpfen.

Jugoslawien (farbig) ist umgeben von
NATO-Staaten oder solchen, die sich der NATO annähern wollen.
Alles nur eine Fehleinschätzung mit tragischen Folgen, wo man doch nur
Menschenrechte schützen wollte? Oder geht es bei diesem Krieg in Wirklichkeit um andere
Interessen, die dem normalen Zuschauer vorenthalten werden? Es wäre schließlich der
erste Krieg, der allein aus "ideellen" und nicht aus machtpolitischen Gründen
geführt würde.
Sie treiben Geopolitik,
reden aber kaum darüber
Die einzige
Weltmacht - so lautet der Titel eines Buchs, das der ehemalige Sicherheitsberater
Präsident Carters, Zbygniew Brzezinski, Ende 1997 schrieb (inzwischen als
Fischer-TB
erhältlich). Er vergleicht darin die globale Vorherrschaft der Amerikaner mit den
Weltreichen der Römer und des britischen Empire.
Dabei bezieht er sich ausdrücklich auf Gedankengänge, die unter dem
Begriff "Geopolitik" in die Geschichte eingegangen sind. Harold Mackinder zu
Beginn des Jahrhunderts und Albrecht Haushofer in den zwanziger Jahren entwickelten die
Theorie, dass die Herrschaft über größere Gebiete immer mit der Macht über bestimmte
"Kernländer" zusammenhänge.
Mackinder bezeichnete die zentralasiatische Region einschließlich
Sibiriens als "Weltinsel" und einen Teil des osteuropäischen Raumes (etwa
zwischen Polen und Jugoslawien) als das "Herzland". Und er kam zu dem
Schluss:
"Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland; wer über das Herzland
herrscht, beherrscht die Weltinsel; wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die
Welt."
Geopolitische Erwägungen bestimmen auch heute noch die Weltpolitik. Man
spricht nur nicht gern darüber. Nicht zuletzt deshalb, weil auch Hitler Geopolitik
betrieb.
Gefährliche
NATO-Planspiele
Dass Brzezinskis Vorliebe
für die Geopolitik keine Schrulle eines elder statesman ist, zeigen auch die Ausführungen
Peter Scholl-Latours in der Welt am Sonntag (2.5.1999). Er erwähnt einen Film im
öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen, in dem unverblümt von einer Strategie der
Nato in Richtung Osten gesprochen wurde - und zwar nicht nur im Sinne der bisherigen
Osterweiterung nach Tschechien, Polen und Ungarn.
Das Ziel sei vielmehr, "Russland von den Erdöl- und
Erdgas-Vorkommen des Kaukasus und Turkestans abzuschneiden. Die zentral-asiatischen
GUS-Republiken würden Schritt für Schritt in die Nato einbezogen, um eine geographische
Barriere zwischen Russland, Persien und dem Indischen Ozean aufzurichten."
Ist das der tiefere Grund für die Feindschaft zwischen dem Iran (Persien)
und den USA? Brzezinski sieht die größte Bedrohung für die Vormachtstellung der USA im
eurasischen Raum in einer Allianz zwischen Russland, China und - dem Iran. Usbekistan und
Aserbeidschan, die er - neben der Ukraine - den USA als vorrangig unterstützenswert
empfiehlt, würden in der Tat Russland von Persien abriegeln - und damit den Amerikanern
den alleinigen Zugang zu den immensen Ölvorkommen rund um das Kaspische Meer sichern.
Doch zurück zu Scholl-Latour und seinem interessanten Film: "Die
Präsenz des kasachischen Präsidenten Sultan Nasabajew bei den Jubiläumsfeiern
der Nato deutet darauf hin, dass die Allianz sich bis an die Grenze Chinas vorzuschieben
gedenkt. Der amerikanischen Planung mag es gut ins Konzept passen, wenn das Reich der
Mitte von Taiwan und von Kasachstan in die Zange genommen würde."
Scholl-Latour, der die Gegend zwischen dem Kaukasus und Afghanistan in
seinem gleichnamigen Buch als "Schlachtfeld der Zukunft" bezeichnet,
warnt davor, dass Russland auf solch "wahnwitzige Planspiele" nur mit großer
Irritation reagieren kann. Nicht zuletzt, weil Nato-Generalsekretär Solana persönlich im
besagten Film solche Strategien gutgeheißen habe.
Was also treibt die Nato zum Krieg im Kosovo? Schutz der Menschenrechte?
Wenn wir uns eine Karte Europas ansehen, dann erscheint Jugoslawien wie ein einsamer,
zurückgebliebener Fremdkörper in einer Zone, die mittlerweile zur Nato gehört oder kurz
vor deren Türe steht.
Ein Stachel im strategischen Fleisch der "einzigen Weltmacht"?
Wurde hier ein ohne Zweifel grausam ausgetragener ethnischer Konflikt dazu benutzt,
strategische Ziele zu verfolgen, statt ihn rechtzeitig mit friedlichen Mitteln zu
entschärfen? Welche Rolle spielen die Bodenschätze des Kosovo - u. a. Blei, Zink, Kohle?
Die Interessen Europas
Es soll hier nicht einem
Antiamerikanismus das Wort geredet werden. Auch die westeuropäischen Mächte haben ihre
geopolitischen Interessen, die mit den amerikanischen nur zum Teil übereinstimmen. Die
Nato dient, wie die taz sarkastisch feststellt, der "Sicherung des Reichtums
der ersten Welt", zu der auch die Europäische Union gehört.
Während die amerikanische und europäische Rüstungsindustrie sich auf
neue Aufträge freut (und ihre neuen Waffen ausprobiert werden), warten vor allem
europäische Unternehmen schon auf fette Aufträge für den Wiederaufbau Südosteuropas -
auf Kosten des Steuerzahlers der EU, versteht sich. Wobei Europa andererseits an einer völligen
wirtschaftlichen Zerstörung Jugoslawiens und seiner Nachbarländer (auch Mazedonien steht
aufgrund der unterbrochenen Verkehrswege kurz vor dem Kollaps) nicht interessiert sein
kann - denn wo gar nichts mehr ist, lässt sich nur schwer etwas aufbauen.
Das "neue
Habsburg"
Die Europäische Union strebt
offenbar ebenfalls eine Vorherrschaft an - zumindest die über den Balkan. Damit schlüpft
sie in die strategische Rolle des untergegangenen Habsburgerreiches, das dort im 19.
Jahrhundert mit Russland und dem Osmanischen Reich um die Herrschaft kämpfte.
|