Interview mit
Professor Mynarek über sein Buch:
"Die neue Inquisition"
"Scheiterhaufen
können wir nicht mehr anzünden, doch ..."
Redaktion: Herr
Prof. Mynarek, im Verlag Das Weisse Pferd ist Ihr Buch über "Die neue
Inquisition" erschienen. Wie kamen Sie eigentlich darauf, zu diesem Thema ein Buch zu
schreiben?

Für 18 € plus Versand
erhältlich beim
Verlag DAS WEISSE PFERD, (Schweiz: 35 SFr)
Prof. Mynarek: Seit Jahren schon beobachte ich das im höchsten
Maß ungerechte, menschenrechtswidrige Kesseltreiben zahlreicher kirchlicher und
staatlicher Sektenbeauftragter gegen neue Religions- und Glaubensgemeinschaften. Ich
konnte natürlich nicht alle gegen diese Gemeinschaften erhobenen Beschuldigungen auf
ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Aber aufgrund meiner guten Kenntnis der
Kirchengeschichte und der beiden Großkirchen in ihrem jetzigen Zustand
wusste ich mit
absoluter Sicherheit, dass alles, was die Sektenbeauftragten den neuen Gruppierungen
vorwerfen, in sehr viel größerem und massiverem Umfang den beiden Kirchen vorzuwerfen
ist.
Was für einen
Charakter haben Sektenbeauftragte?
So reifte in mir der
Entschluss, diesen Sachverhalt in allen Einzelheiten im Rahmen eines Buches aufzuzeigen.
Außerdem motivierte mich zum Verfassen dieses Buches die Frage: Wie steht es um den
Charakter, die Psyche, das Innenleben von solchen Leuten wie den Sektenbeauftragten, wenn
sie bereit und fähig sind, tagtäglich eimerweise Dreck und Schlamm über andere Menschen
auszuschütten, deren Schuld im Grunde nur darin besteht, nicht oder nicht mehr den beiden
Kirchen anzugehören und ihren eigenen spirituellen, religiösen und ethischen Weg gehen
zu wollen. Und schließlich ging es mir bei meinem neuesten Buch auch darum, die
zynischen, raffinierten Methoden und Strategien aufzudecken, die von kirchlichen und
staatlichen Sektenbeauftragten angewandt werden, um neue Glaubensgemeinschaften, ihre
Leiter und Angehörigen, zu diskriminieren, zu diffamieren.
Redaktion: Sie sind als der erste Universitätsprofessor
der kath. Theologie des deutschsprachigen Raumes im 20. Jahrhunderts aus der Kirche
ausgetreten und sind heute einer der bekanntesten Kritiker dieser Institutionen. Wie wurde
aus einem hohen Kirchenvertreter ein Kirchenkritiker, ein "Abtrünniger"?
Prof. Mynarek: Ich bin aus ganz idealistischen, ethischen,
christlichen Motiven Priester geworden. Ich glaubte damals, die Kirche sei jene
Institution, die die Menschen aus den reinsten und besten Absichten und Motiven heraus zu
Gott und einem vollkommeneren Leben führen wolle. In diesem Vorgehen wollte ich sie als
Priester unterstützen. Je höher ich jedoch auf der Stufenleiter meiner theologischen
Karriere bis hin zum Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien
aufstieg, desto deutlicher erkannte ich, dass es den meisten Verantwortlichen in den
beiden Kirchen sehr viel primärer und zentraler als um das Heil der Menschen in
Wirklichkeit um Macht, Prestige, Profit, Ruhm, Einfluss in Staat und Gesellschaft, Luxus
und Prunksucht in einem für den gewöhnlichen Gläubigen geradezu unvorstellbaren Ausmaß
geht. Ich habe lange mit mir gerungen, aber mir wurde immer klarer: Du wirst selber zu
einem ganz korrupten Funktionär dieses Systems, wenn du nicht den entscheidenden Schritt
tust und aus ihm austritt.
Kirchenaustritt aus
Idealismus
Derselbe ethische Idealismus,
der mich bewogen hatte, dieser Kirche als Priester zu dienen, trieb mich auch wieder aus
ihr heraus, als ich in schmerzlicher Weise erkennen musste, dass die Kirche in
Wirklichkeit abtrünnig ist, weil sie in ihrer Praxis ständig alle hohen Normen der
Humanität, der Ethik, der Spiritualität und Religiosität mit Füßen tritt und
tagtäglich verrät.
Redaktion: Haben Sie auch persönlich, am eigenen Leib,
Erfahrungen mit der "neuen Inquisition" gemacht?
Prof. Mynarek: Ja, das habe ich. Als ich mit meiner Kritik an der
Kirche an die Öffentlichkeit ging, setzten die Schikanen ein: Telefonterror mit wüsten
Beschimpfungen, Verleumdungen, massiven Morddrohungen, aufgeschnittene Autoreifen,
Manipulationen an meinem Auto, die mich auf der Autobahn Wien-Salzburg fast das Leben
gekostet hätten, weil die Bremsen plötzlich nicht mehr funktionierten usw. Auf massiven
Druck hin, den die Kirche auf den österreichischen Staat ausübte, wurde mir die
Lehrtätigkeit an der Uni Wien untersagt, obwohl ich mir disziplinrechtlich nichts hatte
zuschulden kommen lassen. Aber die Kirche handelte da nur ihrer Herrschaftslogik
entsprechend konsequent. Sie hat ja auch die Menschenrechtserklärung der Vereinten
Nationen bis heute nicht unterzeichnet. Als den Kirchenoberen zu Gehör kam,
dass ich
beabsichtigte, ein Buch über Macht und Menschenmissbrauch durch die Kirchenfürsten
herauszugeben, erschien bei mir der Delegierte eines deutschen Kardinals und versuchte
mich mit allen Mitteln von dieser Idee abzubringen.
Er versprach mir die Wiedereinsetzung in meine Lehrstuhltätigkeit, wenn
ich mich verpflichtete, wieder in die Kirche einzutreten und das Buch nicht erscheinen zu
lassen. "Andernfalls", so drohte er, "werden wir Sie mit dreißig und mehr
Gerichtsprozessen überziehen und Sie finanziell in den Ruin treiben. Denn Scheiterhaufen
können wir aber nicht mehr anzünden. Es gibt aber andere Mittel, auch heute noch,
Menschen zu vernichten." Tatsächlich strengten Vertreter der Kirche nach Erscheinen
des Buches mit dem Titel Herren und Knechte der Kirche vor dem Landgericht und
Oberlandesgericht München einen Prozess gegen mich an. Die sich durch mein Buch beleidigt
fühlenden Kirchenmänner verlangten Schmerzensgelder zwischen zehntausend und
zwanzigtausend Mark für die Antastung ihrer Persönlichkeit. Im Gefolge der mit den
langjährigen Gerichtsprozessen verbundenen Kosten wurden mein Haus in Kitzingen bei
Würzburg zwangsgepfändet. Mir wurde von einem Amtsgericht sogar die Schreibmaschine
gepfändet, denn kirchenkritische Arbeiten könnte ich ja auch mit der Hand schreiben,
teilte man mir mit.
Redaktion: Nun hat ja die Enquetekommission des Deutschen
Bundestags festgestellt, dass eine generelle Gefahr von so genannten
Sekten nicht ausgeht. Ist damit die Gefahr einer neuen "Hexenjagd" in unserem Land vermindert oder
gebannt?
Prof. Mynarek: Leider nein. Denn die Kommissionsmehrheit hat im
Widerspruch zu den tatsächlichen Erkenntnissen der Kommission, dass die neuen religiösen
und weltanschaulichen Bewegungen keine größeren Gefahren bergen als das, was von
vergleichbaren anderen gesellschaftlichen Gruppen, sogar z. B. von Sportvereinen, auch
ausgeht, trotzdem einen ganzen Katalog gesetzgeberischer Handlungsempfehlungen
beschlossen, die die religiöse Freiheit nichtkirchlicher Gruppen wieder und weiter
einschränken sollen.
Ich behandle diese von der Kommissionsmehrheit empfohlenen Maßnahmen am
Ende meines Buches Die neue Inquisition, will sie hier also nicht weiter
ausführen. Erwähnt sei hier daher nur die Spitzel-Empfehlung der Kommission, wonach die
Sammlung und Verbreitung einschlägiger Daten durch das Kölner Bundesverwaltungsamt
erfolgen solle. Sodann der Vorschlag, eine neu zu gründende Bundesstiftung solle das Geld
für vielerlei Untersuchungen zur Verfügung stellen. Das bedeutet wohl konkret,
dass mit
der Schaffung einer Bundes- und Länderstiftung, deren Aufsichts- und Wissenschaftsgremien
voraussichtlich mit den kirchlichen oder kirchenfreundlichen ehemaligen Sachverständigen
der Enquetekommission bestückt würden, die Arbeit der an sich jetzt gar nicht mehr
notwendigen Kommission unter der Hand dennoch fortgesetzt würde.
Redaktion: Sie schreiben in Ihrem Buch,
dass
der totalitäre Typ von Religion, wie ihn vor allem die katholische
Kirche verkörpert, die Menschen heute immer weniger beeindrucken oder
gefangen halten kann. Weshalb verlassen so viele Menschen auch die
lutherische Kirche, die doch bezüglich Dogmen und Vorschriften ein "liberaleres" Image hat als die katholische?

Prof. Hubertus Mynarek
Prof. Mynarek: Die lutherische Kirche hat tatsächlich ein
liberaleres Image als die katholische Kirche. Aber der Schein trügt. In Wirklichkeit ist
das Gottes- und Menschenbild, das Luther hatte und seiner Kirche vermachte, noch weit
menschenfeindlicher und grausamer als das der katholischen Kirche. Mein Buch über Die
neue Inquisition zeigt das in allen Einzelheiten. Das fatale Menschen- und Gottesbild
Luthers, der den Menschen im Angesicht und unter dem Druck eines rücksichtslosen
Willkürgottes keine Chance für eine freie ethische Entscheidung lässt, prägt ja auch
noch die heutigen Inquisitoren, d. h. die protestantischen Sektenbeauftragten. Nicht ohne
Grund betonte einer der einflussreichsten unter ihnen: "Wenn Sie bei mir
auf Inquisition tippen, dann liegen sie richtig!"
Redaktion: Sie kennen den jetzigen Papst noch aus ihrer
Zeit als Student in Lublin, als Karol Wojtyla dort Professor war. Der Papst hält sich
bezüglich des Kosovokrieges ziemlich zurück. Im Gegensatz zum
Bosnienkrieg hat er diese Aktion nicht als "gerechten Krieg" bezeichnet und beide Seiten zum
Einstellen der Gewalt aufgefordert. Geht es dem Papst wirklich um Frieden - oder welche
Interessen verfolgt er Ihrer Meinung nach mit dieser Haltung?
Prof. Mynarek: Ganz generell gilt: Für den Papst und den Vatikan
als oberste Zentrale der katholischen Kirche sind Macht und Missionsinteressen stets das
Wichtigste. Wenn jetzt der Papst gegenüber Jugoslawien moderatere Töne anschlägt als
die USA, mit denen er bei der Zerschlagung des kommunistischen Ostblocks strategisch doch
engstens zusammengearbeitet hat, dann tut er das, weil ihm das Herz näher ist als die
Hose. Ohne Bild gesprochen: Der Papst will sein Lebensprogramm der Re-Evangelisierung -
sprich Rekatholisierung - Europas in Jugoslawien nicht durch eine Pro-Amerika-Haltung im
Kosovo-Konflikt gefährden. Milosevic oder dessen Nachfolger werden ihm dankbar ihre
Türen öffnen und alle Chancen bereitstellen, wenn dieser Konflikt einmal beendet ist.
Ohnehin hat dieser Papst nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm die Annäherung zu den
und die Bekehrung der Orthodoxen immer wichtiger war als die von ihm nie ganz
ernst genommenen Lutheraner.
Redaktion: Was glauben Sie, aus welcher Richtung der
nächste Papst kommen könnte?
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